Von Ernst Stein

Ich bin kein seriöser Mensch, das weiß ich längst, und wenn ich es nicht wüßte, hätten es mir die anderen Leute gesagt, nur nicht so unverblümt, denn sie sind feine Leute und gebildete Leute, die sich in verallgemeinerten Andeutungen ergehen, daß unsereiner Witze über die tiefsten Dinge macht, den nötigen Ernst vermissen läßt und wahrscheinlich das Klassenziel nicht erreichen wird.

Aber ich möchte diese Schule schwänzen und nicht auf der hölzernen Bank der Auguren hocken, ich möchte nichts vom Unfug der Heiterkeit hören, weil ich den Ernst des Lebens für einen Unfug halte, zumindest für eine fatale Ungeschicklichkeit in literarischen Dingen. Über die Literatur sind heute die merkwürdigsten Ansichten verbreitet, fast so merkwürdig wie die heutige Literatur, und am verheerendsten wirkt die Ansicht, daß beim Betreten der Kultur der Humor vorher abzulegen ist.

Der tiefe Ernst, mit dem wir uns den tiefen Dingen zu nähern pflegen, ist eigentlich eine Dreistigkeit. Nehmen wir an, daß wir uns zu einem großen Kunstwerk, einer großen Erscheinung, einem großen Problem zu äußern haben – bitte, das kann jedem passieren. Wir wissen, daß wir vor der Größe stehen, vor einem Format, das uns überragt – wie dürfen wir uns da einbilden, daß unser Wort auf diese Höhe zu reichen vermag? Woher nehmen wir den Mut, uns in der Sixtinischen Kapelle ein angemessenes Wort zuzutrauen?

Vor großen Bergen und vor großen Kunstwerken kommt sich der Mensch – zum Unterschied vom Kritiker – bekanntlich sehr klein vor, was ihm auch sonst nicht übel zu Gesicht stünde. Unerklärliche Schwermut befällt ihn, wenn er die Formate zu vergleichen beginnt, und beklommen rettet er sich in den schmerzlichen Witz über die eigene Unzulänglichkeit angesichts des Vollkommenen: er deckt sich mit einem Scherz gegen die Überwältigung durch die Größe, vor der ihm das Wort zu versagen hat. Und wenn er zu ihren Füßen einen Witz macht, dann aus Selbsterkenntnis und Bescheidenheit. Nur Anmaßung ist vor ernsten Dingen immer ernst. Wir sind heute immer ernst. Wir sind heute immer sehr ernst.

„Heute noch“, so steht in einer kleinen, sehr bemerkenswerten neuen Schrift über Kritik, „heute noch tummeln sich die Wortspielen und Pointenhascher in unserem Blätterwald, die Clowns, die die Kritik zum Zirkus machen und an Stelle des Urteils den Purzelbaum setzen.“

Wirklich? Wirklich? Bitte, wo ist hier der nächste Zirkus? Fürs Leben gern möchten wir einmal eine Kritik sehen, die einen Purzelbaum schlägt, statt kopfzustehen, womöglich noch im einem fremden Kopf. Denn da die Literatur nun einmal davon lebt, daß die Bälle munter durch die Luft wirbeln, um sicher in die scheinbar speiende Hand zurückzukehren, haben wir vom dummen August noch immer mehr zu erwarten als vom tierischen Ernst.