Von Ernst Kreuder

Je weniger die Politik von geistigen, kulturbildenden Erwägungen bestimmt wird – und das bedeutet, daß die kulturelle, die musische Substanz schwindet zugunsten der geschäftlichen Bestimmung unseres Lebens – um so unerheblicher und wirkungsloser wird unsere Literatur. Sie entsteht ja nicht außerhalb der Epoche, sondern mitten darin. Man wird allmählich ganz vergessen haben, daß die Literatur – ich darf hier einmal nur von der erzählenden sprechen – zu den Kunstschöpfungen gehörte, und daß Weltliteratur entstand, weil sich in den Jahrhunderten weltkünstlerische Maßstäbe gebildet hatten.

Wenn wir heute unsere Autoren befragen, was sie vom Erzählen und damit auch vom Roman halten, werden wir verschiedenes hören, leider jedoch kaum etwas von der Forderung nach der künstlerischen Beurteilung einer literarischen Leistung. Wir hören zum Beispiel, der Schriftsteller und sein Roman habe in erster Linie (seiner Epoche gegenüber) verantwortlich zu sein. Niemand wird dies bezweifeln. Nur, gibt es wohl eine schwierigere Verantwortung als die künstlerische? Das hat mit Ästhetizismus, mit „Elfenbein“, „Blauer Blume“ und den beliebten literarischen Schönschreibe-Andachten gar nichts zu tun.

Was ist überhaupt Kunst? Ich fürchte, es läßt sich eher bestimmen, was sie nicht sei. Soziologie ist sie jedenfalls nicht, auch nicht Seelen- oder Charakterkunde. Kunst ist auch nicht sittliche Verantwortung, denn sie ist viel mehr. (Sie ist auch dies.) Kunst, scheint mir, ist ihrem Wesen nach nichts als Vollendung, Vollkommenheit. Diesem Anspruch gegenüber, den der Künstler an sich selbst stellt, an seine künstlerische Leistung, kann es keine höhere Verantwortung geben. Was ist ein Kunstwerk? Wir wissen es nicht. Wir können es nur durch die Sinne ( und nicht durch die Physik) und durch unser künstlerisches Unterscheidungsvermögen (und nicht durch Logik) erfahren, wir können davon betroffen werden, aber es nicht erklären. Geheimnis? Zauber? Rätsel? Welttiefe? Das ist doch nur geraten.

Kehren wir zur erzählenden Literatur zurü“: Das nächste Ansinnen unserer Experten richtet sich auf die soziale Kritik. Nichts dagegen einzuwenden, zumal heute schon wieder an den lebensbestimmenden und lebensverpfuschenden Motiven vorbeigeschrieben wird. Kunst bleibt für den Alltagsaugenblick beunruhigend. Beruhigend ist nur das Beschönigen, die Verniedlichung, der Kitsch. Das Kunstwerk vermag einen jungen Menschen, der davon getroffen wird, eher zu etwas Unberechenbarem treiben, zur Auflehnung, zum Aufruhr (auch gegen sich selbst), als daß es ihn beschwichtigt, besänftigt oder zur Herdenzahmheit erzieht. Denn im allerletzten Grunde weckt das Kunstwerk im Menschen eine unerträgliche, eine unerklärliche Sucht nach Vollkommenheit, nach einer grenzenlosen, unrealistischen Reinheit, nach einer von keiner „Wahrheit“ beeinträchtigten, untauglichen, unvernünftigen, unendlichen Schönheit, so daß solche krassen Reaktionen jurger Menschen einleuchtender sind als das Gegenteil, der Schlummer der aufgeklärten Beruhigung.

Wohlverstanden, hier ist vom erzählenden Kunstwerk die Rede und nicht von der bewährten, fortblühenden literarischen Bildungsindustrie, die sich den ansprechenden Bearbeitungen von Mythen, Göttern und Odysseen widmet, der Bibel, den politischen Kalamitäten und dem ideologischen Glaubensterror. Ich, ich halte jedoch Erzählen noch immer für eine Kunst, was bedeutet, daß mich das Erzählte in erster und in letzter Linie künstlerisch überzeugen muß.

Man sage das den Diagnostikern unserer Literatur. Künstlerisch überzeugen? Soll Literatur nicht in erster Linie die Welt verändern, die Zustände, das Gewissen der Leser? Nein, die Kunst kennt kein Soll. Sie ist sollfrei. Nicht nur der Geist weht, wohin er will. Wen interessiert heute Kunst als meinungsfreies, als wahrheitsfreies, stilbildendes Phänomen? Höchstens einige Verstiegene, die man mühelos der Esoterik bezichtigt. Wen interessiert noch eine literarische Rangordnung in einem Augenblick, da sich die Autoren, die das Triviale bevorzugen, das Vulgäre, das Ekelerregende, die Sphäre des Brechreizes und der Ausschweifung im Bestsellerkampf befinden mit der Gilde der Mythenaufbereiter? Die derzeitige Erzählermode drastischer Anstößigkeiten, um des Effektes willen, bedeutet ein weiteres Absinken des künstlerischen Niveaus der literarischen Leistung, das sie allein legitimiert.