Von Peter Demetz

Die Väter unserer Philologie waren nicht auf Rosen gebettet. Noch war’s nicht die Zahl der Studenten (in Göttingen studierten insgesamt 900), die sie bedrängte: Jacob und Wilhelm Grimm mußten kreuz und quer durch Europa reisen, um ihrer Quellen habhaft zu werden; mußten in rauchigen Gasthöfen absteigen, um alte Manuskripte im Kerzenlicht zu kopieren; mußten sich gegen reizbare Bibliotheksdirektoren zur Wehr setzen, die über Tintenflecke auf entlehnten Bänden zeterten. Eine eigenartige, von romantischen Träumen und sehr konkreten politischen Fragen bestimmte Welt lebt in der Sammlung neuer Grimm-Dokumente, die Wilhelm Schoof (unterstützt von Jörn Göres) eben vorlegt –

„Unbekannte Briefe der Brüder Grimm“; Athenäum-Verlag, Bonn; 478 S., 40,– DM.

Die 270 Briefe sind, dem Lebensweg der Brüder über Kassel, Göttingen und Berlin folgend, zu den Umrissen einer Lebensgeschichte geordnet – dennoch wird, leider, der gelehrte Germanist mehr Genuß an diesem gewichtigen Band haben als der allgemeine Leser, der vergeblich nach Fleisch und Farbe einer wirklich greifbaren Biographie und einer übersichtlichen Einführung in die politischen und wissenschaftlichen Probleme der Epoche sucht.

Notwendig ist auch der Rang der Briefe sehr unterschiedlich: Jacob klagt über Goethe, fragt nach seinen Resedapflanzen; Wilhelm wettert gegen konkurrierende Gelehrte, berichtet launig über Achim von Arnims ménage: Bettina kochte nur sehr ungern, und die Sprößlinge liefen in selbstgewebten Kitteln durch die reizvoll unordentlichen Zimmer. Kaum glaubt man sich an der Grenze der Waschzettel-Philologie, wird man immer wieder auf das Glücklichste entschädigt durch eines der aufblitzenden mannhaft freimütigen Worte der gelehrten Brüder.

Die Briefe über die Göttinger Affäre sind von besonderer Bedeutung. Jacob und Wilhelm Grimm geben sich nicht, wie viele ihrer späteren Schüler, der billigen Illusion hin, Forschungsarbeit und staatliche Existenz seien voneinander unabhängig; in der Sphäre des politischen Zwanges, solange eine schmähliche Gewalt alle ihre Vorhaben durchsetzt, ist alle Wissenschaft in Frage gestellt. Einem gelehrten Kollegen, der es eilig hat, nach dem Verfassungsbruch und der Resignation der Sieben nach Göttingen berufen zu werden, antwortet Jacob in schöner und bedeutungsvoller Männlichkeit: Solange die Ehre des Landes nicht hergestellt ist, kann die Universität nicht hergestellt werden.

Mit der vorliegenden Veröffentlichung naht der Augenblick, da man sich von der notwendigen Veröffentlichung der Texte (um die sich Wilhelm Schoof seit mehr als dreißig Jahren unermüdlich bemüht), zur Kritik ihrer Gedankenwelt wenden wird. Die Väter unserer Germanistik mischten ihre altfränkische Männlichkeit, beispielhafte Rechtlichkeit undFreiheitsliebe mit manchem dichterischen Traum von altdeutscher Volkheit, ja, mit jenen romantisch-patriotischen Visionen, die in der altdeutschen Literatur zu finden hofften, was ihnen die Gegenwart der napoleonischen Epoche versagte. Nachdem das Reich deutscher Nation zerfallen war, wehrte man sich mit den Ideen des „Gewachsenen“, Historischen und Volkhaften gegen klassizistische Rhetorik, die clarté und „abstrakte“ Ordnung, wie sie die französischen Heere in Land und Epoche brachten. Im Jahre 1806 unterlag Preußen bei Jena und Auerstädt; im Jahre 1807, „da man sich in Deutschland mitten unter den zerreißendsten Stürmen wieder der Sprache und dem Werke der Altvorderen mit Liebe zugewandt“, erschien die (Hagensche) Ausgabe des Nibelungenliedes. Diese Entfaltung der Germanistik aus dem Geiste des Patriotismus tritt auch in den vorliegenden Briefen zutage: Noch 1805 klagt Jacob, Tieck sei „bloß romantisch“, besorgt einen Racine für Wilhelm, lächelt über einen Gelehrten, der „Gelehrsamkeit“, aber keinen „Geschmack“ besitzt. Später wird das anders: Wilhelm mag die Hagensche Edition des Nibelungenliedes als „Machwerk“ verurteilen, aber seine eigenen Bemühungen leben aus dem gleichen überströmenden Gefühl, „daß wir bloß durch den Gedanken an eine herrliche Vorzeit und die Achtung dafür bestehen können“. Es hatte seine Gründe, daß Jacob Goethe „kalt und steif fand; kein Wunder, daß A. W. Schlegel von der „Rumpelkammer wohlmeinender Albernheiten“, vom „Trödel“ sprach, den die gelehrten Brüder, in ihrer Sagenforschung, „dem gescheiten Leser“ zumuteten. Der skeptische Blick erkannte noch mit einem an der antiken Tradition geschulten Blick, daß sich die junge Wissenschaft der Germanistik im Widerstand gegen die Integrität der europäischen Literatur entfaltete und die ererbte Helle und Einheit, aus nur partikulär-patriotischen Motiven, weithin gefährdete.