Äußere Pracht oder dramatischer Ausdruck, das ist hier die Frage

Deccas neue Aida unter Karajans Leitung regt zu Skepsis an, sobald man sie zu der älteren Darstellung dieser Oper mit dem Dirigenten Erede (bei derselben Gesellschaft) in Beziehung setzt –

Giuseppe Verdi: Aida. 1. Renata Tebaldi, Ebe Stignani, Mario del Monaco u. a., Chor u. Orch. von Santa Cecilia, Rom, Dir. Alberto Erede; 2. Renata Tebaldi, Giulietta Simionato, Carlo Bergonzi u. a., Chor d. Ges. d. Musikfreunde, Philh. Orch., Wien, Dir. Herbert v. Karajan. Beide Aufnahmen Decca; erstere Mono, letztere Mono und Stereo.

Die Oper Aida wurde vom ägyptischen Khediven für die Einweihung des Suez-Kanals bestellt. Sie hat zwei heterogene Bestandteile: auf äußere Pracht bedachte, also glänzende Aufmachung erfordernde Szenen, dazu eine typisch opernhafte, in heftigen emotionalen Vorgängen wurzelnde „hochdramatische“ Handlung. Wenn es dem Komponisten auch gelungen ist, beide Komponenten organisch miteinander zu verbinden, so führt doch jede ein Eigenleben, gehorcht darstellerisch eigenen musikalischen Gesetzen.

Im ersten Fall ergeben sich die Ausdrucksmittel aus den zeremoniellen Vorgängen bei der Feldherrnweihe, dem Siegestriumph und später beim Hochgericht – im zweiten aus der unglücklichen Liebe zwischen dem ägyptischen Feldherrn und der Tochter des feindlichen Königs sowie der Eifersucht der Pharaonentochter, also aus heftigen seelischen Konflikten. Die erste Handlung, wenn man sie einmal die „Ausstattungshandlung“ nennen darf, wendet sich musikalisch vor allem an Chor und Orchester. Die dramatisch-menschlichen Geschehnisse der zweiten erfordern hervorragende Stimmen und eine plausible singschauspielerische Leistung: Aida ist letzten Endes eine Sängeroper.

Den Verdi-Freund wird es nicht in Erstaunen setzen, daß der Komponist sich für die rein menschliche Handlung eine bedeutend innerlichere und leidenschaftlichere, eine viel dynamischere Musik hat einfallen lassen. Hier war er von vornherein in seinem Element. Für die zeremoniellen Partien hatte er erst eingehende Vorstudien treiben müssen.

Karajans Stereo-Ausgabe bietet mit ihrer wohlüberlegten Regie der verschiedenen Klangkörper, vor allem dort, wo sie gleichzeitig in Aktion treten, wo also die Richtung der Tonquellen und -schichten eine Rolle spielt, neue Erlebnisse: nicht nur eine unbeschreibliche Klangpracht, sondern dazu eine verblüffende Klang-Logik.