Als die „Visitenkarte der Post“ hat Generalpostmeister v. Stephan das 1872 von ihm geschaffene Reichspost-Museum in Berlin oft bezeichnet. Vor einigen Monaten hat die Deutsche Post in Ost-Berlin dieses Museum in der Leipziger Straße wiedereröffnet. Westdeutschland hat zwar auch ein Bundespost-Museum in Frankfurt/M und zwei posthistorische Sammlungen in Stuttgart und Nürnberg; aber – Westdeutschland ist weit für die West-Berliner. Es war deshalb eine glückliche Idee, daß die Landespostdirektion Berlin beim Postamt W 15, Lietzenburger Straße 35, in einem ehemaligen Fernsprechamt außerdem wenigstens eine postgeschichtliche Sammlung geschaffen hat, die mit einer ständigen Ausstellung verbunden ist. In diesem Jahre wird in der Ausstellung – zur Feier des 100. Geburtstages Paul Nipkows am 22. August – „aus der Geschichte des Fernsehens“ berichtet.

Die Idee des Fernsehens ist entstanden aus dem Wunsch nach einer immer weiteren Vervollkommnung der Schnellnachrichten-Technik, von der optischen Telegraphenlinie Berlin–Koblenz mit ihren 60 Relaisstellen über Mörses elektromagnetischen Telegraphen bis zum Telephon Bells, das den damals 23jährigen Berliner Studenten Paul Nipkow zur Erfindung des ersten brauchbaren Fernsehers inspirierte. – Wenig Platz nur ist dem Ingenieur Paul Nipkow gewidmet. Die Sammlung seiner Patentschriften gibt ein Bild von der vitalen technischen Phantasie dieses Lauenburger Bäckersohnes. Mit dem technisch erstaunlich durchdachten DRP 30 105 vom 6. Januar 1884 über ein „Elektrisches Teleskop“ fing es an. Warum, fragt man, hat Nipkow seinen Fernseher nicht schon im vergangenen Jahrhundert realisiert? Weil es damals noch keine brauchbaren Bildstrom-Verstärker gab. Der kürzlich verstorbene Professor Dieckmann hat das Verstärkerproblem um 1907 – wie man hier sieht – einfach umgangen, indem er die Nipkowsche Scheibe mit Kontaktbürsten versah und sich auf das Fernsehen metallischer Schablonen auf dem Schirm einer Braunschen Röhre beschränkte.

In einer Vitrine wird die Entwicklung der elektronischen Verstärkerröhre gezeigt, vom ersten gittergesteuerten „Kathodenstrahlenrelais“ Robert v. Liebens (1912) bis zur fast modern anmutenden RE 11 mit Zylinder-Anode (1920). Nach dem Ersten Weltkrieg erinnerte man sich allenthalben der Nipkowschen Erfindung wieder; man baute Fernseher nach seinen alten Patentzeichnungen, verstärkte die Bildströme von wenigen Millionstel Ampere durch Röhrenverstärker, und – „Fernsehen in Berlin geglückt“, meldet ein Zeitungsblatt aus dem Jahre 1928. Zusammen mit der Reichspost zeigte der ungarische Erfinder Denes v. Mihaly damals die ersten dunklen, kaum fahrkartengroßen Fernsehbilder.

Die nationalsozialistische Regierung machte sich den publizistischen Wert des Fernsehens zunutze; in Berlin wurde am 22. März 1935 der erste Fernseh-Rundfunk der Welt eröffnet.

1936 erst erschienen in Deutschland die ersten elektronischen Kameras. Direkt aus dem Labor wurden sie zur Übertragung von Bildern der XI. Olympischen Spiele in Berlin eingesetzt. Eine von ihnen ist noch zu sehen. Das Volk konnte die Wettkämpfe in öffentlichen Fernsehstuben auf dem Bildschirm gewöhnlicher Heimempfänger verfolgen, deren Entwicklungsreihe fast vollständig ausgestellt ist.

Im Jahre 1938 baute die Reichspost am Berliner Reichkanzlerplatz ein großes Fernseh-Rundfunkstudio für elektronische Bildgeber; Programmausschnitte aus jener Zeit zeigen, was das deutsche Fernsehen zwischen 1939 und 1943 geleistet hat. Natürlich spielte im Zweiten Weltkrieg das Fernsehen auch militärisch eine Rolle. Da ist eine Kamera, kaum größer als ein Kommißbrot. Sie wurde in den Bug eines fernlenkbaren „Gleitkörpers“ eingebaut und sollte dem Piloten des Trägerflugzeugs drahtlos ein Bild des angeflogenen Ziels liefern. Die Entwicklung lief bis 1945 unter „Geheime Kommandosache“. 1944 warfen die Alliierten über Berlin Flugblätter ab, die eine genaue Beschreibung jenes Gleitkörpers enthielten, einer neuen „deutschen Wunderwaffe“.

Die für militärische Zwecke getriebene Entwicklung ist nach dem Kriege dem Fernseh-Rundfunk zugutegekommen; die erste Kamera des NWDR enthält noch Bauteile jener Bombenkamera. Die Bundespost, die 1950 mit dem Bau eines Richtfunknetzes für Fernseh-Übertragungen begann, baute in Berlin ein kleines Versuchsstudio, von dem ein Teil betriebsfähig ausgestellt ist. G. G.