Zur Zeit wird viel von der Notwendigkeit einer Börsenreform gesprochen. Diese Überlegungen sind ein Kind der Hausse, wie überhaupt im Wirtschaftsleben tiefgreifende Reformen meist erst dann gefordert werden, wenn es zu extremen Entwicklungen nach der einen oder anderen Seite hin gekommen ist. Fehler und Mängel werden dann für jedermann sichtbar.

Was aber hat man an den deutschen Börsen zu bemängeln? Schließlich ist bisher alles gut und glatt verlaufen. Ernste Schwierigkeiten, große Skandale oder was es sonst an Unerfreulichem geben mag, sind uns erspart geblieben. Lediglich ein Mangel hat sich gezeigt; man besitzt kein zutreffendes Bild von den Größenordnungen, die im Spiele sind. Die Kurse gehen hoch oder fallen, ohne daß sich jemand eine genauere Vorstellung darüber machen kann, welche Kräfte hinter diesen Bewegungen stehen. Es fehlt an einer aktuellen Börsenumsatzstatistik.

Sicherlich könnte man die amtlichen Börsenmakler verpflichten, täglich neben den Kursen auch die Umsätze in den von ihnen notierten Wertpapieren bekanntzugeben. Solche Zahlen aber haben keinen Aussagewert. Es geht nämlich nur ein Teil der Umsätze über die Börse; der größere wird in den Banken durch Kompensationsgeschäfte abgewickelt. Zu einer aktuellen und umfassenden Börsenumsatzstatistik kann man nur kommen, wenn alle Umsätze in amtlich notierten Werten über die Börse laufen.

Das bedeutet Börsenzwang, so wie ihn verschiedene Länder, vor allem Frankreich, kennen. Ein Börsenzwang würde zu einer tiefgehenden Änderung der Struktur des Wertpapiergeschäftes führen. Die Banken könnten nicht mehr in sich kompensieren; für die Großbanken mit lebhaftem Effekten-Geschäft bedeutete dies eine fühlbare Gewinnminderung, die ausgeglichen werden müßte. Außerdem liefe der Apparat des Börsenhandels schematischer ab.

Ob das zum Guten oder Schlechten ausschlägt, läßt sich nicht ohne weiteres beurteilen. In einer Zeit, in der die im Banken wesen laufenden Geschäfte meist maschinell bearbeitet werden, ist es durchaus denkbar, daß sich ein echter Rationalisierungserfolg erzielen ließe. Bedeutungsvoller ist aber, daß ein Börsenzwang mit seinem technischen Apparat und mit seinem ausgesprochenen Ziel, eine aktuelle, das heißt bereits am Tage des Umsatzes publizierte Statistik zu schaffen, notwendigerweise zu einer Zentralisierung des Börsengeschäftes führen müßte. Genau wie in Frankreich bliebe dann wahrscheinlich in der Bundesrepublik nur eine Wertpapierbörse übrig.

Soll man nun das, was sich in der Bundesrepublik natürlich entwickelt hat, durch eine administrativ geschaffene neue Organisation ersetzen? Wenn der Zentralismus im Börsenwesen große Vorzüge hat, dann wird er sich auch von selbst durchsetzen. Soll man ihn nur um der Statistik willen, so wichtig diese auch sein mag, schaffen?

Es geht hier also um Grundsatzfragen, die sich nicht über das Knie brechen lassen; sie bedürfen einer sorgfältigen Prüfung. Eine Börsenreform setzt auch ein neues Börsengesetz voraus. Der derzeitige Bundestag kann es nicht mehr schaffen; man könnte es erst in der nächsten Legislaturperiode in Angriff nehmen. Ob das Gesetz wirklich in vier Jahren ausdiskutiert und verabschiedungsreif ist, muß sich erst noch erweisen. W. R.