b. k., Berlin, Ende August

Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt, auf den die SPD in ihrem Bundestagswahlkampf setzt, hat jene Initiative gezeigt, die seine Parteifreunde von ihm erwarten. Er erschien – knapp 24 Stunden, nachdem der Parteibeschluß über seine Kandidatur bekannt geworden war – in der SPD-Kreisgeschäftsstelle des Bezirks Friedrichshain in Ostberlin. Er wollte sich an Ort und Stelle über die SED-Kampagne gegen den Ostberliner Bundestagsabgeordneten Neubauer informieren. Darüber hinaus aber hatte Brandt, der ja Berliner Landesvorsitzender der SPD ist, die Absicht, auf das noch aus den Zeiten der funktionierenden Alliierten Kommandantur stammende „Recht zu pochen“, das der Partei gestattet, in allen vier Sektoren der Stadt unbehindert tätig zu sein.

Dieser Besuch, der von der SED-Presse mit keinem Wort erwähnt wurde, brachte ihm einen spontanen Applaus von ein paar hundert Ostberlinern ein. Gleichzeitig gehörte die Fahrt schon zum Wahlkampf des Kanzlerkandidaten Brandt, der hier zeigte, mit welch geringem Aufwand gesamtberlinische und damit auch gesamtdeutsche Politik gemacht werden kann.

Niemand würde es mehr als die Berliner begrüßen, wenn dieser Besuch der Auftakt zu einer neuen, lange erwarteten Phase der Politik in und für Berlin wäre, mit deren Hilfe die Möglichkeiten zur lautlosen Überwindung der Sektorengrenze besser als bisher ausgenutzt werden könnten. Brandt dankte wenige Stunden nach seinem Besuch in Ostberlin den im Bezirk Kreuzberg versammelten Parteifreunden aus dem durch die Sektorengrenze getrennten Bezirk Friedrichshain für ihre Standhaftigkeit. Der schönste Lohn für ihre Treue aber wäre eine spürbarere und belebendere Unterstützung der Parteiorganisation in Ostberlin.