Ludwig Marcuse: „Das Obszöne in der Literatur und außerhalb“, ZEIT Nr. 34, und Walter Abendroth: „Was geht uns das Obszöne an?“, ZEIT Nr. 35

Im vergangenen Semester erfuhr ich als Student eines pädagogischen Instituts, wie man bei Kindern in der Behandlung eines Lesestückes, eines Aufsatzes vorgehen sollte: mit Vor- und Nachbereitung. Ihre Bemühungen um Ludwig Marcuses Aufsatz veranlaßten mich zum Vergleich. Was aber sind in diesem Fall die Kinder?

Ich meine, daß deren Rolle nur jenen erhabenen Patronen zufallen kann, welche die Gesetze

–n.: „Deutsche Kinder tun das nicht“, ZEIT Nr. 34

Leider entspricht diese Überschrift nicht den tatsächlichen Zuständen. Zwar gibt es in Europa noch Länder, in denen die Kinder das nicht tun, aber vorläufig scheint diese Unsitte zuzunehmen. Auf die übertriebene Strenge des vorigen Jahrhunderts folgt, als unbewußte Reaktion, nun eine übertriebene Milde, die den lieben Kindern nichts verbietet. Man glaubt auch dem Kinde etwas Gutes zu tun, wenn man ihm alles durchgehen läßt, der Wille ist ja frei und bestimmt und erzieht sich selbst, so meint man. So findet es also ein Kind ganz selbstverständlich, ohne die geringste Rücksicht auf andere Menschen laut zu schreien. Im Omnibus oder der Elektrischen mit den Fäusten auf die Scheiben zu trommeln, zu johlen und zu lärmen. Die Anwesenden sind völlig Luft für solch einen Schreier. Erhebt jemand Widerspruch, so schlagen sich alle auf die Seite des Kindes.

Das Dulden dieser Schreierei zieht aber einen schweren Charakterfehler der Rücksichtslosigkeit auf die Mitmenschen nach sich. Dies allein müßte schon genügen, die betreffenden Eltern aufmerken zu lassen. Aber die ganze Sache muß auch noch vom biologischen oder psychologischen Standpunkt einmal beleuchtet werden.

Diese nicht gehemmte Schreierei entwickelt sich oft zu einer Angewohnheit von pathologischem Ausmaß, es wird schneller als man glaubt zur Schreipsychose. Solche Kinder stoßen bei jedem Anlaß gellende, unmotivierte Rufe aus. Als Fachmann habe ich größere Kinder beobachtet, die schon beim Fallenlassen eines Butterbrotes oder beim Stolpern und derartigen Kleinigkeiten gellende Schreie ausstießen, also in Situationen, die bei normalen Kindern keinen Laut auslösen.