b. k., Berlin, Ende August

Am Montag, dem 29. August, verurteilte das Bezirksgericht in Dresden den 55jährigen Flugzeugingenieur und ehemaligen technischen Direktor des Volkseigenen Betriebs (VEB) Entwicklungsbau Pirna, Manfred Gerlach, zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe wegen Spionage, Schädlingsarbeit und Wirtschaftsverbrechen. „Abgrundtiefer Haß gegen die Arbeiter- und Bauernmacht“ hatte nach Darstellung des Gerichts den Verurteilten veranlaßt, „Produktions- und Perspektivpläne der Luftfahrtindustrie der DDR“ skrupellos jenen „Mächten auszuliefern, die die Sowjetunion überfallen wollen.“ „Jene Mächte“ – das sind nach Meinung des Sowjetzonengerichts die Bundesrepublik und deren NATO-Partner.

Mit der Verurteilung Gerlachs hat das Debakel der DDR-Luftfahrtindustrie einen neuen, den zweiten dramatischen Akzent bekommen. Der erste wurde am 4. März 1959 gesetzt, als die „152“, das hochgelobte erste Exemplar eines mit vier Turbinenluftstrahltriebwerken ausgestatteten Passagierflugzeuges aus der „DDR“-Produktion bei einem Probeflug in der Nähe Dresdens abstürzte.

Vier Jahre vorher, im Frühjahr 1955, hatte die III. Parteikonferenz der SED kühn dekretiert: „Der begonnene Aufbau der Flugzeugindustrie ist zu einem solchen Abschluß zu bringen, daß bis Ende des zweiten Fünfjahrplanes (1960) dem Luftverkehr der DDR moderne Verkehrsflugzeuge zur Verfügung gestellt werden können.“ Knapp ein Jahr zuvor waren die für die Realisierung dieses Projektes – nötigen Fachleute zur Verfügung gestellt worden: Alle Spezialisten, die nach dem Zusammenbruch von den sowjetischen Besatzungsbehörden vor die Wahl gestellt worden waren, entweder in Gefangenenlagern elend zugrunde zu gehen oder einen Arbeitsvertrag für die Sowjetunion zu unterschreiben, und dabei das günstigere gewählt hatten, waren in die Heimat zurückgekehrt. Unter ihnen auch Manfred Gerlach, einst Betriebsleiter in den Dessauer Junkers-Werken, und nun mit seinem Kollegen, Professor Brunolf Baade, Aktivist beim Aufbau der sowjetzonalen Flugzeugindustrie.

Baade, der sich gern den „Roten Junkers“ nennen hört und stolz den in der Sowjetunion erworbenen „Stalinpreis“ erwähnt, rief das erste Fachkader der „neuen deutschen volkseigenen Flugzeugindustrie“ Anfang 1955 nach Dresden zusammen.

Mit dem VEB-Industriewerk Dresden (später umbenannt in „VEB Flugzeugwerke“) entstand das Kernstück der „Vereinigung volkseigener Betriebe Flugzeugbau“ (VVB), die ihren Sitz in Pirna nahm. Dorthin wurde auch der leitende technische Direktor Gerlach berufen.

Baade und seine Mannschaft befaßten sich zunächst mit dem Nachbau des bewährten zweimotorigen Passagierflugzeugtyps Iljuschin 14. Die Lizenz war kostenlos. Bis zum Mai 1958 wurden 49 Maschinen dieses Typs fertiggestellt und zum amtlich festgesetzten Preis von 330 000 DM Ost verkauft. Kunden waren die Deutsche Lufthansa (Ost), Polen, Ungarn, Rumänien, die Tschechoslowakei und Ägypten. Während diese Maschinen noch in Serie produziert wurden, meldeten die Propagandisten „die erste Eigenentwicklung der DDR, das strahlgetriebene Düsen-Passagierflugzeug ‚152‘.“ Das Modell der „152“, das bei der Leipziger Frühjahrsmesse 1958 gezeigt wurde, konnte die Verwandtschaft zur sowjetischen „TU 104“ nicht leugnen, die seit 1956 im Liniendienst der Aeroflot auf längeren Strecken benutzt wird. Die Ähnlichkeit zwischen, den beiden Flugzeugtypen war auch nicht von ungefähr: In der Entwurfs- und der Entwicklungsabteilung der „152“ hatten die alten „Rußland-Experten“ gearbeitet, unter ihnen Gerlach.