Mancher hätte es nicht zu sagen gewagt, und manchem, der es gesagt hätte, wäre es übelgenommen worden. Wilhelm Kaisen aber, der Bremer Bürgermeister, wurde nicht mißverstanden. Bei der Vereidigung von 340 Rekruten der Panzergrenadierbrigade 32 sagte er, daß seine eigene Vereidigung auf den König von Preußen – sie liegt nun fünfzig Jahre zurück – ein bemerkenswertes Ereignis in seinem Leben gewesen sei. Das Wort Preußen hatte bei dem sozialdemokratischen Oberhaupt einer alten Hansestadt keinen falschen Beiklang.

„Wir wollen keinen Militarismus“, sagte Kaisen, „aber wir brauchen Soldaten, die ein demokratisches Staatsgefühl haben und die sich sowohl mit unserer Bevölkerung als auch mit unseren staatlichen Organen verbunden fühlen.“ Für ihn ist die Verteidigungspflicht eine Selbstverständlichkeit, wie sie es schon für den Altvater der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel war, der als Dozent auf der Parteischule in Berlin den jungen Wilhelm Kaisen unterrichtet hatte und der, gefragt, was die Sozialdemokraten tun würden, wenn Deutschland angegriffen werde, antwortete: „Dann werden wir marschieren wie eine Knoche“. (Was immer er mit „Knoche“ gemeint hat – offenbar etwas Positives.)

Schon einmal hat Kaisen seine Zuhörer mit preußischen Reminiszenzen verblüfft. Im letzten Herbst brachte er bei einem Empfang in Berlin den Tischspruch aus: „Es lebe das alte Preußen!“ – „Was uns mit Preußen verbindet“, sagte damals Kaisen, „sind Arbeitsamkeit, Regsamkeit, das Sich-nach-der-Decke-Strecken und Sparsamkeit.“

Erstaunliche Worte eines alten Sozialdemokraten, um so erstaunlicher in einer Zeit, da gefragt wird, ob in der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik, in der jeder so viel Vorteile wie möglich aus dem Staat herausholen wolle, noch Platz für „Staatsbürger“ sei; in einer Zeit, da der Bundeskanzler seine Bestürzung über den „Mangel an Nationalgefühl“ äußert und beklagt, daß für die jungen Leute der Staat „eine Konstruktion oberhalb der Wolken“ sei.

Es mag freilich wenigen – nicht nur unter den Sozialdemokraten – gegeben sein, mit so schlichter Selbstverständlichkeit von den staatsbürgerlichen Pflichten zu reden und dabei ganz unbefangen an das preußische Erbe anzuknüpfen. Jenes Preußen, das für Kaisen lebendige Tradition bedeutet, ist ja für die meisten noch unbewältigte Vergangenheit. Das „Preußische“ aber an Wilhelm Kaisen möchten wir als lebendige Tradition in der Bundesrepublik nicht missen.

R. Z.