Indes, das letzte Jahr vor der Bundestagswahl bricht an. Die Regierung steht vor dem Zwang, sich entscheiden zu müssen. Aber alle Formen der Selbstbeteiligung, die bislang vorgeschlagen wurden, haben nicht nur ihre Gegner, sondern auch ihre Probleme. Der Gedanke ist zu ungewöhnlich, als daß er ohne Murren aufgenommen werden könnte. Die Zeit, in der man auch eine unpopuläre Entscheidung hätte durchsetzen können – im Vertrauen darauf, daß, sich das unbeliebte Verfahren in zwei Jahren hätte einspielen können – ist verpaßt. Was tun?

Folgendes wäre ernsthafter Überlegung wert: Es ist klar und steht fest, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt, die gesetzliche Krankenversicherung auf gesunde Beine zu stellen: entweder werden die Beiträge erhöht oder die Versicherten werden zur Selbstbeteiligung an den Kosten herangezogen. Da die zwangsweise Einführung der Selbstbeteiligung zweifelsohne im Einzelfall ihre Härten haben kann und eine auch Härten in Kauf nehmende gründliche Reform vor den Wahlen offenbar über die Kräfte einer demokratischen Regierung geht, drängt sich der Gedanke auf, ob nicht ein Kompromiß zwischen beiden Möglichkeiten dergestalt tunlich wäre, daß dem Versicherten selbst die Wahl gelassen wird. Wer keine Selbstbeteiligung will, bezahlt wie bislang den allgemeinen Beitragssatz seiner Krankenkasse weiter. Verpflichtet sich hingegen ein Versicherter zur Selbstbeteiligung, so wird sein Arbeitnehmeranteil am Krankenkassenbetrag entsprechend gesenkt.

Dieses Verfahren räumt alle gewichtigen Einwände gegen eine Selbstbeteiligung aus dem Weg, denn

1. die Selbstbeteiligung ist freiwillig, kein Versicherter wird zu ihr gezwungen;

2. kein Versicherter, der sich für die Selbstbeteiligung entscheidet, wird zusätzlich belastet, weil zum Ausgleich sein Beitragssatz gesenkt wird;

3. der Weg zum Arzt wird nicht versperrt, weil jeder, der dies für sich befürchtet, die Selbstbeteiligung ablehnen kann.

In der Praxis könnte das etwa so aussehen: der Durchschnittsbeitrag jedes Mitglieds der gesetzlichen Krankenversicherung beträgt heute mindestens 30 DM monatlich. Der durchschnittliche Beitragssatz für alle Kassen dürfte bei 8 vH vom Lohn liegen. Die Hälfte hiervon, also 4 vH, zahlt der Arbeitnehmer aus eigener Tasche. Das sind nach dieser Rechnung 15 DM. Erläßt man ihm als Ausgleich für seine Selbstbeteiligung von diesem Arbeitnehmeranteil ein Viertel (entsprechend ein Prozent vom Lohn), so sind das monatlich 3,75 DM, im Vierteljahr 11,25 DM. Dafür verpflichtet er sich, 10 oder 20 vH der Krankheitskosten selbst zu zahlen, bis zu 15 oder 20 DM im Vierteljahr.