Erhards Polen-Rede – Was heißt Selbstbestimmung?

Von Hans Gresmann

Schlafende Hunde habe er geweckt, als er auf seiner Sonntagsrede vor Heimat vertriebenen die Oder-Neiße-Frage anschnitt – dies der Vorwurf, den die Londoner Zeitung „Daily Telegraph“ dem Bundesvizekanzler Professor Erhard machte. Ein ähnliches Echo kam aus Paris.

Ludwig Erhard hatte auf dem Treffen der Oberschlesier in Düsseldorf in ruhigen und abgewogenen Worten den Standpunkt der Bundesregierung zur Oder-Neiße-Frage skizziert. Er hatte seine Gedanken, in denen „Angriffslust“ und „Revanchegeist“ wahrhaftig nicht zu finden waren, in so unmißverständlichen Sätzen ausgedrückt wie diesem: „Es muß eine Friedensordnung in Europa möglich sein, die für alle Zeiten den verderblichen und unwahrhaftigen Kampf um den sogenannten „Lebensraum’ beendet!“

Es war ein versöhnlicher Ton, den Erhard gegenüber Polen anschlug, und daß es gerade jetzt und vor diesem Auditorium geschah, verdient um so mehr vermerkt zu werden, als sich die Beziehungen zwischen Warschau und Bonn (oder sagen wir besser die Atmosphäre, denn von Beziehungen im eigentlich Wortsinn kann ja nicht die Rede sein) im Laufe des vergangenen Jahres immer mehr verschlechtert haben. Zwölf Monate sind es her, daß der polnische Ministerpräsident Cyrankiewiecz die eindringliche ehrliche Adresse, die Bundeskanzler Adenauer zum 20. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen an den östlichen Nachbarn gerichtet hatte, mit einer unwirschen Geste als „verlogen“ abtat.

Gomulka und sein „Erzfeind“

Als sich im letzten Mai dann die „Rückkehr Polens in das Gebiet der Oder-Neiße“ zum 15. Male jährte, war die Breslauer Gedenkrede des polnischen Parteichefs Gomulka eine einzige Anklage gegen den „Erzfeind Adenauer“ und sein „revanche-lüsternes“ Regime. Kaum ein Wort gegen Amerika, auch nicht gegen England und Frankreich – den Sündenbock und den Aggressor sah Wladislaw Gomulka allein in Bonn am Rhein.