R. Z.: „Der Spruch von Brettheim“, ZEIT Nr. 31

Eigentlich müßte man den damals entkommenen Mittäter des Bauern Hanselmann – weil er doch auch verbindlich verurteilt worden wäre oder wurde – sofort festnehmen und ordnungsgemäß aufhängen, denn er wurde ja damals in objektiver Hinsicht und nach den damals herrschenden Gesetzen und dem Recht dem Aufhängen anheimgegeben, und dem Recht muß, auch heute, noch Genüge getan werden.

Was Wunder, wenn alle Simons und Zinds oder wie sie heißen mögen, frei herumlaufen und sich im Rechte fühlen. M. Th. Kostezky, Athen –

Der jüngst wiederholte Freispruch der Männer, welche die Hinrichtung des unschuldigen Bauern Hanselmann sowie der beiden anderen, welche nicht mitschuldig werden wollten, verschuldet haben, wird in weiten Kreisen nicht verstanden; und traurig wäre es, wenn und soweit es anders wäre. Es ist viel darüber gedacht, erwogen, entschuldigt, geschrieben worden, wie es möglich war, daß das deutsche Volk in diesen Abgrund des Wahnsinns und Verbrechens stürzen konnte. Immer aber bleibt ein unbehaglicher, unüberwindbarer Rest, eine tiefe dumpfe Trauer über diese unsühnbare Schuld.

Die drei schmachvoll Hingerichteten haben, wie es heute offen zutage liegt, gewissenhaft, ehrenhaft und in jeder Hinsicht lobenswert gehandelt. Dieser Bauer Hanselmann verdient ein Ehrenmal. Er hat den verführten Jungen die gefährlichen Waffen abgenommen und sie mit ein paar Ohrfeigen laufen lassen. Herrlich, herrlich! Er hat genau das getan, was in dieser Situation das einzig Richtige und Taktvolle war. Wie künstlich und fadenscheinig wirken gegenüber diesem einfachen Tatbestand die langatmigen formalistischen Begründungen und Paragraphenquälereien der Juristen, denen zwei wichtige Verwechslungen unterlaufen: Einmal wird die unbestreitbare Autorität der kämpfenden Wehrmacht verwechselt oder zusammengeworfen mit der unsinnig verbrecherischen Bewaffnung dieser Kinder. Sodann wird der unbestreitbare Grundsatz vergessen, daß am Ende doch jedes positive Recht seinen Sinn, seine Geltung und seine Würde nur aus dem allgemeinen Menschenrecht schöpfen kann.

Daß dieser Freispruch nicht bestehen bleibt, wäre ein bescheidener Beitrag zu jener Wiedergutmachung, welche den Märtyrern zwar nicht ihr Leben wiedergeben kann, aber doch eine in aller Öffentlichkeit wiederhergestellte Ehre und einen Dank für ihr mutiges Handeln.

Prof. Dr. Erich Franz, Hamburg