Der Schweizer Einfuhr-Stop für Auslandskapital kam in den letzten Tagen vornehmlich den deutschen, französischen und italienischen Wertpapiermärkten zugute. Gekauft wurden ausschließlich internationale bekannte Spitzenwerte, bei uns in erster Linie die IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens, teilweise auch Großbank-Aktien und Maschinenbauwerte. Daneben kauften Schweizer Banken im Auftrage ihrer ausländischen Kundschaft auch hoch verzinsliche deutsche Rentenwerte. Das trug wesentlich zu der jetzt freundlicheren Tendenz bei den festverzinslichen Papieren bei, zumal sich das deutsche Publikum durch die dort inzwischen eingetretenen Kurssteigerungen anregen ließ, das Rentenportefeuille wieder zu verstärken. Die Realkreditinstitute fürchten nun, daß die langsame Erholung des Rentenmarktes durch eine große Bundesbahn-Anleihe zunichte gemacht werden könnte. Eine Groß-Emission verträgt der Markt noch nicht, um so weniger natürlich, als die Geschäftsbanken – in ihrer Liquidität beschnitten – kaum bereit sein werden, selbst größere Beträge zu übernehmen. Um den Markt abzutasten, wird von der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank vorgeschlagen, daß ein Industrieunternehmen mit erstklassigem Emissionskredit den Reigen der Anleihe-Emissionen eröffnet.

Am deutschen Markt lief die Hausse der bisherigen Aktien-Favoriten weiter. Maschinenbau-Aktien, inzwischen fast alle an der 1000-Prozent-Grenze (oder darüber), waren ebenso gesucht wie Kaufhäuser und Automobilwerte. Auch Brauerei-Aktien kamen zu neuen Kurssteigerungen. Also alles Aktien, bei denen die Wachstums-Chancen groß sind. Man gewinnt den Eindruck, daß es der Spekulation bei solchen Werten auf 100 Punkt: mehr oder weniger nicht ankommt. Infolge der Marktenge reichen oftmals schon kleine Kaufaufträge aus, um die Kurse beträchtlich nach oben zu bringen.

Im Hintergrund stehen Hoffnungen auf eine zweite Berichtigungs-Aktien-Welle, die nach Ansicht der Börse dann fällig wird, wenn die Jahresabschlüsse für 1960 vorgelegt werden. Diese müssen die aufgegliederte Gewinn- und Verlust-Rechnung berücksichtigen, werden folglich das "gläserne Portemonnaie" bringen. Dann wird man sehen, was tatsächlich verdient worden ist. Die Dividenden, so meinen die Optimisten, würden ertragsechter. Bei vielen Gesellschaften stellt sich dann das Problem: Hohe Dividenden (schlechte Optik) oder niedrigere Sätze auf ein durch Berichtigungs-Aktien verbreitertes Kapital.

Große Freude bei den Preussag-Aktionären! Nach langer Kursstagnation ein Anstieg um rund 25 Punkte, weil das seit längerer Zeit im Gespräch befindliche Bezugsrecht in greifbare Nähe rückt. Die Preussag erwirbt aus Bundesbesitz die VTG (äußerst rentables Transportunternehmen – Kesselwagen, Tankschiffe, Tanklager). Dazu wird das Kapital im Verhältnis 2:1 erhöht werden. Der Bezugsrechtwert wird etwa 20 Punkte betragen, je nach Ausgabekurs, der für die jungen Aktien gewählt werden wird. Die Kurssteigerungen werden jetzt von vielen Preussag-Kleinaktionären dazu ausgenutzt, mit schönem Kursgewinn die Papiere zu erkaufen. Teilweise beschafft man sich die Mittel für den Erwerb der VW-Aktien um die Jahreswende zum Verkauf gestellt werden sollen.

Wie plötzlich die Aktionäre auch Kursverluste hinzunehmen haben, zeigte recht anschaulich das Beispiel Unilever. Der Kurs – im Sommer schon einmal über 1000 vH – gab kräftig nach, als bekannt wurde, daß der Unilever-Konzern in Holland eine krankheitserregende Margarine verkauft hatte. Ängstliche Leute stießen ihre Papiere ab, weil sie Rückwirkungen auf den Margarine-Absatz und außerdem Schadenersatzklagen fürchteten. Für Unilever-Aktionäre ist die Planta-Affäre (Name der krankheitserregenden Margarine) der dritte Schlag innerhalb kurzer Zeit. Zuerst kamen die Kongo-Unruhen (Unilever ist dort mit 4 Prozent des Vermögens engagiert), dann folgten die enttäuschenden Gewinnzahlen des I. Halbjahres. Die großen Umsätze an Unilever-Aktien an den deutschen Börsen ließen aber deutlich erkennen, daß viele Anleger die "günstige" Gelegenheit benutzt haben, um billig an die Aktien heranzukommen. Wer das bessere Geschäft gemacht hat, die Verkäufer oder die Käufer, wird sich später zeigen. Kurt Wendt