II. Die gegen wärtige Lage und ihre Möglichkeiten

Wir veröffentlichen heute den zweiten Artikel einer Serie, in der Professor Karl Jaspers, angeregt durch die Kritik an seinem Fernsehinterview, zur deutschen Frage Stellung nimmt. Im ersten Aufsatz hat die Redaktion Zwischenüberschriften eingefügt, die nicht vom Verfasser stammen. Der Verfasser ist der Meinung, daß jene Überschriften nicht nur inhaltlich unzutreffend sind, sondern auch durch provozierende Heraushebung einzelner Worte einen ihm fremden Ton hineinbringen. Wir möchten den Leser daher darauf aufmerksam machen, daß in diesen und den folgenden Aufsätzen auch alle Überschriften und Hervorhebungen von Professor Jaspers stammen.

Es scheint, daß die Lage hoffnungslos ist, wenn man folgendes vergegenwärtigt. Das totalitäre Herrschaftsprinzip des Kommunismus verwirft die politische Freiheit bedingungslos. Die Bewilligung von freien, durch Neutrale kontrollierte Wahlen (wie einst im Saargebiet) bedeutet schon die Gewährung der Freiheit. Denn daß die Mehrheit Ostdeutschlands in freien Wahlen sich zur Unfreiheit entscheidet, ist extrem unwahrscheinlich. Eine Wiederholung dessen, was 1933 geschah, ist wohl ausgeschlossen: Damals wußte man nicht, was man tat, und lebte im Wahn; heute kennt man in Ostdeutschland den schrecklichen Zwang, den Gewissensdruck und die physische Vergewaltigung für alle. Die wenigen Nutznießer stehen ihrerseits gehorsam unter der russischen Macht und können nicht zurück.

Rußland kann die Selbstbestimmung durch freie Wahlen für die Sowjetzone nicht gewähren, solange es das Satellitensystem will, das eine Form der Annexion und Eingliederung in das russische Imperium ist. Das zeigte sich bei der rücksichtslosen Niederwerfung des in einem großartigen, einmütigen Aufschwung sich erhebenden ungarischen Volkes und der revoltierenden deutschen Arbeiter in Ostberlin durch russische Panzer. Bricht ein Glied, so stürzt das Ganze. Würde die vergewaltigte Zone zu einem freien Staat, dann wäre das Satellitensystem, das europäischen Völkern durch Betrug und Gewalt aufgezwungen wird, nicht zu halten.

Daher scheint für den Augenblick beides gleich unmöglich: die Wiedervereinigung in Freiheit und ein durch die Gewährung freier Wahlen begründeter neutraler Staat. Sich bei den Erörterungen dieser Alternative, der einen oder der anderen oder beiden, Irrealität vorzuwerfen, ist leicht. Wir können die Ziele aufstellen, wie wir sie gerade mögen, alle scheitern an dieser einen Tatsache: dem granitenen Willen des mächtigen russischen totalitären Staates.

Zur Befreiung Ostdeutschlands und der anderen Satellitenstaaten Gewalt zu gebrauchen, bedeutet Weltkrieg und die Gefahr der atomaren Vernichtung. Kein abendländischer Staat wird dieses Risiko eingehen, ohne von Rußland angegriffen zu sein, das heißt, ohne daß Rußland durch Gewaltanwendung seine Machtsphäre vergrößern will (wie in Berlin, wo Aktionen eines „souveränen“ Ulbrichtregimes nur Handlungen Rußlands wären).

Die Situation scheint hoffnungslos. In der seelischen Not infolge der erzwungenen Unwahrhaftigkeit des Lebens, der Tendenz zur faktischen Aufhebung von Familie und Heimat ist der einfache Glaube möglich, der in dem Wort von der Wiedervereinigung seinen Halt findet: sie muß kommen, sie wird kommen. Solcher Glaube als bloßer Glaube ist gefährlich. Er verwechselt Glaubensinhalt und Realität. Aber schlimmer: das Glaubenswort „Wiedervereinigung“ kann verführen, in einen wilden, bösen nationalen Wahn (in Analogie zum Nationalsozialismus) die Wiedervereinigung gemeinsam mit den Russen zu erzwingen (Schlagwort: Tauroggen) und nunmehr für sich und das Abendland die Freiheit zu verlieren, wegen derer die Wiedervereinigung begehrt war.