Seit Jahren steigen die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung. Seit Jahren wachsen dementsprechend die Beiträge, die die über 20 Millionen Mitglieder ihren Kassen zahlen müssen. Während der Durchschnitts versicherte 1949 noch mit 123 22 DM Jahresbeitrag auskam, mußte er 1958 bereits 315 49 DM abführen. Die Schraube dreht sich beständig weiter. Heute ziehen Westdeutschlands größte Kassen, die Allgemeinen Ortskrankenkassen, von denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Krankheitsfall versorgt wird, je Mitglied monatlich rund 8 6 Prozent des Lohnes ein. Das sind für einen Arbeiter mit 400 DM Monatseinkommen 34 DM, für einen solchen mit 500 DM schon 43 DM und bei 600 DM Monatsyerdienst schließlich über 51 DM.

Wer immer die gesetzliche Krankenversicherung reformieren will, kann diese Entwicklung nicht ignorieren. Die wohlfeilen und politisch so einträglichen Versprechungen an die Versicherten, die Kassenleistungen zu verbessern oder den Kassen aus diesem, oder jenem Topf fremdes Geld zuzuführen, lösen das Problem nicht. Es geht darum, unseren Krankenkassen die Möglichkeit zu geben, aftf lange Sicht hinaus Einnahmen und Ausgaben einander anpassen zu können; denn sonst wird sich immer wieder von neuem die Frage einer Reform und eines Reförmchens stellen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung stiegen allein von 1949 bis 1958 um das Vierfache, nämlich von 1 9 Mrd auf 7 6 Mrd. Die Gründe hierfür sind leicht aufzuzählen. Der medizinische Fortschritt, und das ist durchaus erfreulich, verbesserte die Krankenbehandlung von Jahr zu Jahr. Neue kostspielige Arzneimittel erschienen in den Schränken der Apotheken. Die Zahl der Ärzte wuchs an, ebenfalls das Einkommen jedes einzelnen Arztes. Die Lebenserwartung der Menschen vergrößert sich beständig; wir werden älter — und krankheitsanfälliger.

Wenn heute dem Arzt sooft die Funktion eines "Seelenheilers" zugeschrieben wird, so deutet das darauf hin, daß die Zahl der Krankheitsfälle sich um einen gewiß nicht geringen Teil auch psychisch bedingter Fälle vermehrt hat. Seelisches Unbehagen — und wo wäre es häufiger zu finden, als in einer durch Krieg und Nachkriegszeit derart umgestülpten und vom Konsumbetrieb gehetzten Gesellschaft wie der unseren — schlägt sich in körperlichem Unwohlsein, eben in Krankheit, nieder. Die Soziologen und Pyschologen prägten hierfür das Wort von der "Flucht in die Krankheit". Andererseits sank das Verantwortungsgefühl gegenüber den Versichertengemeinschaften in dem gleichen Maße, wie die Kassen immer größer und anoymer wurden. Der häufige Mißbrauch dieser sozialen Einrichtung ist eine belegte Tatsache. Man nimmt es der Krankenkasse gegenüber nicht allzu genau.

. Diese für die Kostensteigerung innerhalb unserer Krankenversicherung verantwortlichen Faktoren werden auch in Zukunft weiter wirken. Das filt übrigens nicht allein für die gesetzliche Kranenversicherung Auch die private Krankenversicherung ist sich klar darüber, daß sich die Krankheitskosten mit Gewißheit weiter nach oben entwickeln werden. Für die gesetzliche Krankenversicherung aber ist darüber hinaus anzunehmen, daß dies sogar sprunghaft geschehen wird. Das bedingen schon allein die geplanten Leistungsverbesserungen. Es sollen generell recht kostspielige Vorsorgeuntersuchungen eingeführt werden. Ferner will die Bundesregierung die sogenannte Aussteuerung beseitigen, jenen unhaltsaren Zustand, daß Schwerkranke nach gewisser Zeit der Fürsorge überwiesen werden müssen, weil die Kasse die Zahlungen einstellt. Drittens ist an eine Anhebung des Krankengeldes gedacht. Das sind nur einige, die wichtigsten Verbesserungen. Zum anderen ist mit einem beträchtlichen Anwachsen der Zahl der Kassenärzte zu rechnen. Das Bundesverfassungsgericht hat im März dieses Jahres festgestellt, daß jeder Arzt ein Recht auf Teilnahme an der kassenärztlichen Praxis iat. Seitdem sind rund 6000 Ärzte neu zur Kassenpraxis zugelassen worden. Mit einer weiteren "Zulassungswelle" ist zu rechnen, wenn die Assistaizärzte die Krankenhäuser verlassen. Das wird gmz erheblich auf der Kostenseite der Kassenbilanzen zu Buche schlagen. Die alten Kassenärzte möchten ihre Einnahmen nicht vermindert sehen, die neuen wollen auch leben. Zu alledem schlagen noch die Krankenhäuser Lärm, weil sie nach ihren Berechnungen mit den niedrigen Pflegesätzen für Sozialversicherte nicht auskommen.

Wann immer während der letzten zwei Jahre das Gespräch auf die Finanzlage unserer gesetzlichen Krankenkassen kam, wurden Teillösungen diskutiert. Die Befürworter des Regierungsentwurfs zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (Kranken versicherungs Neuregelungsgesetz) rechneten lediglich die Ausgaben für die geplanten Leistungsverbesserungen gegen die Einnahmen durch eine Selbstbeteiligung der Patienten auf.

Ihre Gegner waren der Ansicht, man könne die Leistungsverbesserungen auf andere Weise finanzieren. So die Sozialdemokraten, die in ihrem "Vorschaltgesetz" zur Reform (einem kurz vor den Parlamentsferien eingebrachten Gesetzentwurf, der im wesentlichen nur Leistungsverbesserungen vorsieht) die Mehrkosten den Arbeitgebern und dem Staat aufhalsen wollen. Zu diesen Vorschlägen wird noch einiges zu sagen sein. Vorerst sei festgestellt, daß auch in diesem Fall die wirtschaftliche Situation der Kassen nur gänzlich unzureichend berücksichtigt wird. Es wird zwar gesagt, wie man die Verbesserungen finanzieren kann, aber die ansteigenden allgemeinen Kosten der Kassen werden außer acht gelassen. Zudem hat sich in den letzten Jahren erwiesen, daß die Zuwachsquote der Ausgaben zunimmt. Diese beständig wachsenden Mehrausgaben der Krankenkassen sind das primäre Problem. Wie kann man sie auffangen? Auf den ersten Blick scheint es drei Möglichkeiten zu geben, Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung auf eine gesunde Basis zu stellen.

Die steigenden Kosten der Krankenversicherung werden zu einem immer größeren Teil auf Dritte abgewälzt; sie werden — durch Beitragserhöhungen — von den Versicherten getragen; oder sie werden durch irgendeine Form der "Selbstbeteiligung" abgedeckt.