Von Ludwig Marcuse

Die Hilfskonstruktion, die ich hier hinzeichne, um aus der Fülle meiner undurchschaubaren Vergangenheit eine Schau zu gestalten, besteht aus drei Zeiten und drei Räumen.

Was meine Lebenszeit betrifft, so war ich im Neunzehnten Jahrhundert ein Kind, bis zum Ersten Weltkrieg ein Jüngling, zwischen den Kriegen ein Mann. Seit einem Vierteljahrhundert wird mehr und mehr Druck auf mich ausgeübt, weise zu werden; denn das ist die Forderung an die Alten. Das Alter aber beginnt früher, als man im Zeitalter der ebenso jugendlichen wie lächerlichen Urgroßmutter wahrhaben will. Und unser Altern begann besonders früh. Als Gustav Freytag im Jahre 1886 Erinnerungen aus seinem Leben aufschrieb, in den Jahren zwischen den deutschen Freiheitskriegen und dem Ende der Regierung Wilhelms I., bemerkte er, daß in seinem Leben „etwas von dem fröhlichen Wirken einer aufsteigenden Volkskraft erkennbar“ sei. In unserem Leben verfiel sie mehr und mehr.

Die zweite Zeit, für mich bis zu diesem Tage Gegenwart, ist das neunzehnte Jahrhundert – soweit es mit der Frühromantik begann und in Nietzsche seinen Gipfel erreichte; soweit es aussah wie Heine, Kierkegaard, Flaubert, Jakob Burckhardt; soweit es nicht aussah wie Queen Victoria, Treitschke, Bismarck und Marx (den ich nur tief bewundere). Novalis und Leopardi sind mehr meine Zeitgenossen als die kindlichen Philosophen Albert Schweitzer und Albert Einstein, die ich von ganzem Herzen verehre.

Was vor der europäischen Romantik liegt (und wieviel Heutiges liegt weit davor), ist für mich vergangen – von Goethe zurück bis zu Hamurabi; Historie, oft .mächtig angestaunt, oft sogar geliebt. Ich habe meine Freude an Epikur und Horaz und dem jungen Augustin und dem christlichen Epikuräer Malebranche und „Candide“, Mozart, Kants Briefen und Fichtes lutherischem Zuschlagen ... aber sie sind nicht meinesgleichen, wie der junge Friedrich Schlegel und Chopin und Strindberg. Ich glaube, daß meine Zeit um 1800 begonnen hat; obwohl vordem schon einer hier und da mir aus der Seele sprach: zum Beispiel Hiob in seinen deutlichen Worten gegen die Guten Freunde und den Guten Gott, deren Güte ihm recht plausibel wurde. Meine erste Zeit umspannt also nur 65 Jahre, meine zweite etwa 150; die dritte geht vielleicht bis zu Adam zurück.. auf jeden Fall soweit, wie von Vätern und Väters-Vätern, von Lehrern und Lehrers-Lehrern noch etwas in mir rumort.

Der weiteste Raum meines Lebens (für die Sterne habe ich mich immer nur poetisch interessiert) ist Deutschland; nichts wurde dadurch geändert, daß ich – seit einem Vierteljahrhundert – dort nicht mehr lebe. Ein engerer Raum ist das deutsche Bürgertum; nichts wurde dadurch geändert, daß es das nicht mehr gibt – im Sinne meiner Jugend. Der engste Raum ist meine arme Freiheit. Ich war mein Leben lang (mit zwei unbedeutenden Ausnahmen): „freier“ (das heißt: schlechtbezahlter) Schriftsteller, „freier“ (das heißt: parteiloser) Bürger, „freier“ Denker (das heißt auch: nie Freidenker): ein Mensch also, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und deshalb tausend Anfälligkeiten ausgesetzt zu sein. Von 1925–1929 war ich allerdings Redakteur; da ich aber (leider) immer terrorisieren mußte, weil ich nie finassieren konnte, rettete ich so etwas Freiheit in mein Angestelltsein. Und von 1945 bis 1959 war ich beamteter, das heißt unkündbarer Professor. Aber auch hier wurde meine Freiheit nie beschädigt von meinem Beamtentum. In beiden Fällen war es nicht mein Verdienst, sondern mein großes Glück, daß ich kein Knecht wurde.

Mein Vater war ein armer Junge, der sich mit Zähigkeit und strengster Selbstzucht zwischen 1871 und 1914 hochgearbeitet hatte. Er wurde vermögend – was sein Leben nicht änderte, aber meins bestimmte.