Von Katharina Hoke

Als der Franzose Jean Cayrol 1947 seinen Roman „Je vivrai l’amour des autres“ veröffentlichte, nahm die seitdem als „Neuer Roman“ bekanntgewordene und bei manchen Lesern in Verruf gekommene literarische Bewegung zur Rettung einer, wie es scheint, im argen liegenden Kunst ihren Anfang. Seither bemühen sich einige französische Autoren (Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute, Butor – um die wichtigsten zu nennen), deren Werke zum Teil auch in Deutschland zugänglich sind, nicht nur um den Roman, sondern auch um sein an überlieferten Klischeevorstellungen eingeschlafenes Publikum.

„L’Ere du Soupçon“ (Das Zeitalter des Mißtrauens) – gemeint ist vor allem das wechselseitige Mißtrauen zwischen Romancier und Leser – nannte Nathalie Sarraute ihren 1956 erschienenen Essayband. In ihm sagt sie sich los von der sogenannten traditionellen Literatur, die dem Leser weder Reaktion noch Denkarbeit abverlange und seiner ihm anerzogenen Neigung zur Typisierung und Verallgemeinerung entgegenkomme, kurz, die nur für eine Bereicherung des „Wachsfigurenkabinetts“ im Kopf jedes Lesers sorgen könne.

Ebenso ironisch und womöglich noch schärfer verwahrt sie sich gegen „Ultramoderne“, die Proust und Joyce bereits in historischen Museen Ehrenplätze anweisen wollen, weil sie meinen, die „obskuren Bereiche der Psychologie“ interessierten heute niemanden mehr.

Für Nathalie Sarraute gibt es keine Rückkehr zur Tradition. Und auch der einmal beschrittene Weg, der Weg Prousts und Joyces, muß wohl oder übel weitergegangen werden. Von der psychologischen Analyse Prousts, über den „endlosen Wortstrom“ der Joyceschen Monologe hin zu Dialog und Subdialog („Conversation et Sousconversation“, wie einer ihrer Essays heißt), die sich auf dem schmalen Grat zwischen Ausgesprochenem und Unausgesprochenem bewegen. Vielleicht ein zu schmaler Grat, um einen Roman darauf zu balancieren –

Der Versuch allein, unternommen von einer repräsentativen Autorin des „Neuen Romans“, verdient Beachtung –

Nathalie Sarraute: „Martereau“, Roman, deutsch von Elmar Tophoven; Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 243 S., 9,80 DM.