Von Walter Abendroth

Zwei Knalleffekte rahmten die Salzburger Festspiele 1960 ein: die Eröffnung des neuen Festspielhauses und der Rücktritt Karajans. Niemand wäre wohl darauf verfallen, zwischen Auftakt und Schlußakkord einen Kausalzusammenhang zu vermuten. Aber das vom Festspielkuratorium veröffentlichte Kommuniqué enthielt den erstaunlichen Satz, Karajans Tätigkeit als künstlerischer Leiter sei „mit der Eröffnung des Neuen Festspielhauses erfüllt“. Ein Gedankenbocksprung, dessen einzig möglicher Sinn nur der sein kann, daß die wahren Gründe im beiderseitigen Einverständnis der Öffentlichkeit vorenthalten bleiben sollen.

Was das Kuratorium und Herbert von Karajan mit dieser drolligen Erklärung ihrem Publikum zumuteten, ist einer anderen Salzburger Merkwürdigkeit am ehesten vergleichbar: nämlich der Ankündigung des Architekten Professor Clemens Holzmeister, jetzt müsse das alte Festspielhaus in ein „Intimes Mozart-Theater“ umgebaut werden – nachdem sich ziemlich eindeutig herausgestellt hat, daß das neue Mammut-Theater, dessen Millionenaufwand er mit der Notwendigkeit eines „Mozart-Festspielhauses“ zu begründen nicht müde geworden war, für Mozart wenig geeignet ist.

Schon im „Rosenkavalier“ mußte man zu sinnwidrigen Bilddimensionen greifen, um den Bühnenrahmen nur einigermaßen zu füllen. Es wäre ein großartiges Wagner-Theater, und die Gerechtigkeit gebietet festzuhalten, daß seine Konzeption nicht denkbar wäre ohne das Bayreuther Vorbild, welches bald hundert Jahre alt ist!

Aus allen Mutmaßungen, die sich über die wahre Ursache von Karajans Demission anstellen lassen, schält sich immer wieder als glaubwürdigste die heraus: daß die Salzburger Festspieltradition – heute in einer gewissermaßen dogmatischen Form vertreten durch den neuen Präsidenten Dr. Bernhard Baumgartner – die mit Blankovollmacht ausgestattete Konzentration der „künstlerischen Leitung“ in einer Hand vormals weder kannte noch wünschte und daß man manche Erfahrungen, die mit dem „Regime Karajan“ gemacht wurden, als negativ verbucht.

In der Hauptsache geht es dabei um die Frage der Programmpolitik, die freilich engstens mit dem Kardinalproblem der künstlerischen Sinngebung Salzburgs verquickt ist. Karajans Tendenz zielte auf eine Planung in die Breite: der Anteil des Schauspiels sollte vergrößert, der Grundsatz einer alljährlichen Opern-Uraufführung trotz der bekannten Fehlschläge nicht aufgegeben, der Opernspielplan überhaupt großzügig erweitert werden: von Puccinis „Turandot“ und Verdis „Traviata“ war für nächstes Jahr die Rede ...

Konnte es nicht scheinen, als habe das ganze Bauvorhaben des überlebensgroßen neuen Festspielhauses von vornherein den geheimen Zweck verfolgt, einen zwingenden Anlaß zu schaffen, um die Vorrangstellung des genius loci praktisch aufzuheben zugunsten einer noch näheren Angleichung Salzburgs an die physiognomielose „Universalität“ landläufiger Kulturperfektionsindustrie-Unternehmungen massenbewegenden Stils? Dies aber wollen die Traditionshüter ganz und gar nicht, Und wahrscheinlich ist ihr Abscheu vor solcher Säkularisierung aller Ehren wert: sie sind zweifellos die besseren Idealisten. Immerhin aber ist ihnen andererseits klar, daß das Gros der internationalen Festivalverbraucher, wenn es darauf ankommt, den lebenden Karajan weniger gern verschmerzen würde als den toten Mozart. Und so legt man denn durchaus Wert darauf, den wundertätigen Maestro als Dirigenten und als Regisseur auch künftig vorzeigen zu können.