Im kommenden Winter ist mit dem Verkauf der VW-Aktien zu rechnen. Viele Einzelheiten des Aktien-Verkaufs liegen noch nicht fest, so daß man sich heute nur über einige grundsätzliche Fragen unterhalten kann. Das Grundkapital der Volkswagenwerk AG ist durch Umwandlung von Rücklagen auf 600 Mill. DM gebracht worden. Davon gehen 240 Mill. DM (je zur Hälfte) an Bund und Land Niedersachsen. Der Fiskus behält also den maßgeblichen Einfluß, ein Punkt, der bei der späteren Kursgestaltung sicherlich eine Rolle spielen wird. Ebenso natürlich auch die für VW-Aktionäre gesetzlich vorgeschriebene Stimmrechtsbeschränkung mit deren Hilfe die Bildung von einflußnehmenden privaten Paketen verhindert werden soll. Damit ist die spekulative Kursbildung weitgehend ausgeschaltet. „Daimler-Kurse“ wird es deshalb bei den VW-Aktien schwerlich geben.

Eine wesentliche Rolle werden beim VW-Werk die Belegschaftsangehörigen spielen, die bevorzugt mit VW-Aktien bedient werden. Die VW-Geschäftsleitung wird ihren Betriebsangehörigen jede erdenkbare Hilfestellung beim Erwerb der Aktien gewähren. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß diese Gruppe auf Hauptversammlungen sehr viel Einfluß haben wird. Daß die Interessen der Betriebsangehörigen nicht immer mit denen der anderen Aktionäre identisch zu sein brauchen, liegt auf der Hand.

Für den Verkauf an private Sparer (einschl. der Werksangehörigen) stehen nom. 360 Mill. DM VW-Aktien zur Verfügung. Zu welchem Preis (Ausgabekurs) sie abgegeben werden sollen, steht noch nicht fest. Entscheidende Instanz ist das Bundesschatzministerium. Es laufen zur Zeit noch Bewertungsarbeiten, die auch die Ergebnisse der neuen VW-Bilanz für 1959 sowie die Situation am Kraftfahrzeugmarkt berücksichtigen sollen. Über den Wert des VW-Werkes gibt es keine einheitliche Meinung, weil in jedem Falle verschiedene Bewertungsmaßstäbe angelegt werden können. Die Entscheidung muß stets willkürlich, sie wird vermutlich eine politische sein. Eine Anlehnung an Vorbilder gibt es nicht, ebensowenig Erfahrungen auf diesem Gebiet...

In den Diskussionen wurden bislang Ausgabekurse von 300 bis 350 vH genannt. Bei einem Verkaufskurs von 350 vH würde praktisch das VW-Werk mit 2,1 Mrd. DM bewertet. Ist das zu hoch?

Dazu ein paar Zahlen. Zusammen mit den ausländischen Tochtergesellschaften betrug der Umsatz des VW-Werkes 3,5 Mrd. DM, das sind 30,4 vH mehr als im Vorjahr. Bei Daimler betrug der Gesamtumsatz (einschl. der Tochter- und Auslandsunternehmen) im Jahre 1959 rund 3,4 Mrd.

DM. Der Unterschied ist also nicht groß. Er tritt erst zutage, wenn man zu ergründen versucht, wieviel am Umsatz tatsächlich verdient worden ist. Bei der heutigen Bilanzierungsweise kommt man zwar kaum zu exakten Ergebnissen. Aber was zu ermitteln ist, reicht zur grundsätzlichen Beurteilung aus. Daimler hat den Netto-Gewinn mit rund 132 Mill. DM angegeben (Steueraufwand in 1959: 173 Mill. DM). Beim VW-Werk fehlt diese Zahl. Aus den Bilanzangaben ist jedoch ersichtlich, daß er mindestens 262 Mill. DM betragen haben muß (Steueraufwand 273 Mill. DM). Wahrscheinlich lag er jedoch höher. Der Anteil des Netto-Gewinns am Umsatz machte bei Daimler also 3,8 vH, beim VW-Werk aber rund 7,5 vH. Die Rentabilität war in Wolfsburg also höher als in Untertürkheim.

Wir wollen uns hier aber nicht in vergleichenden Analysen verlieren. Ebensowenig wie man den Mercedes 220 mit einem VW vergleichen kann, so ist auch eine Gegenüberstellung der Bilanzen beider Hersteller-Firmen kaum beweiskräftig. Ein gut im Markt liegendes Unternehmen mit einem Eintyp-Programm wie das VW-Werk kann mehr verdienen als ein Automobil-Hersteller mit vielen Typen. Aber auch das Risiko sieht anders aus. Im VW-Geschäftsbericht wird ausdrücklich auf die im Eintyp-Programm liegenden Wagnisse hingewiesen, übrigens gegen die Absicht von Prof. Dr. Nordhoff (Vorstandsvorsitzender), der das Eintyp-Programm als ein Merkmal der Stärke angesehen haben will.