R H, Hamburg

Hebt man vom „Nachtessen des Tierarztes“ vorsichtig die Verzierung aus frischer, grüner Kresse ab, entfernt sodann nacheinander die rohen Zwiebelscheiben, die dünne, aber große Scheibe Salzfleisch, die Aspikschicht, die Leberpastete und die solide Schicht Butter – so wird man „eine kleine, nicht zu dicke Scheibe dunklen oder hellen Brotes“ entdecken.

Das berühmte dänische Smörbröd – „Nachtessen des Tierarztes“ ist eins der berühmtesten – ist ein unter vielen hundert Kalorien verborgenes Stückchen Brot. Welch eine Entwicklung der Speisegewohnheiten! Denn: „Die ersten Dänen lebten anspruchslos von Austern.“ Die nahrhafte Gegenwart läßt sich praktisch, die Wikingergourmandise theoretisch im Prospekt auf der LEFA studieren, der Internationalen Lebensmittel- und Feinkostausstellung in Hamburg. (Hier wendete sich freilich der Vegetarier mit Grauen ab – der, Gast einer gleichzeitig stattfindenden Vegetariertagung, indes viel Gelegenheit hatte, Obst- und Gemüsestilleben andächtig zu bewundern).

Natürlich sind Leckerbissen, wie solches Smörbröd und die schöne Kunde von den Vorvätern, hier nicht auf Schritt und Tritt zu finden. In sechs großen Hallen und einigen Pavillons ist zumeist das zu sehen, was großstädtische Lebensmittelhändler in der Bundesrepublik ständig anbieten.

Nahe dem Eingang der Ausstellung liegt die schöne, moderne Halle der Nationen, die allein zu beziehen Portugal das Glück hatte – das Glück und glücklicherweise auch die modernen Graphiker und Ausstellungsarchitekten. So sehen gute Plakate aus, so können Sardinenbüchsen, Portweinflaschen, Olivengläser und Bananenbündel für Besucher interessant sein, denen solche Artikel nicht etwa niegeschaute Herrlichkeiten bedeuten. Wer hier beginnt, hat mit dem Höhepunkt begonnen. Das untere Ende der Kurve dürfte sein, wo eine deutsche Schokoladenfabrik ihre Pralinenkartons vor vergoldeten Zuckerbäcker-Haremsgittern präsentiert.

Der Besucher der Ausstellung, angelockt durch Slogans wie „Die Welt deckt uns den Tisch“ und „Festtage der Feinschmecker“ wandert an Türmen aus Würstchendosen entlang, und an bunten Platten, und er sucht die „Leckerbissen aus aller Welt“, die er hier kosten möchte.

In einer jungen Dame mit weißem Käppchen schnurrt, als er vorübergeht, eine Art Schallplatte ab: „Wir führen Ihnen heute unser hochqualifiziertes Erzeugnis vor. Es wird aus nur erstklassigen Rohstoffen nach den modernsten Methoden bereitet“ – und ein Brothäppchen, mit Margarine bestrichen, wird unserem Kulinarier gereicht.