Nun droht der kalte Krieg, der zwischen der kongolesischen Zentralregierung und der Provinzregierung von Katanga, zwischen Lumumba und Tschombe tobt sich zu erhitzen. Schon hat Lumumba, der kongolesische Ministerpräsident, in Stanleyville, wo er die meisten Anhänger besitzt, eine groteske Heerschau über seine Truppen abgehalten, die bereit sind, in Katanga einzufallen, und schon hat Tschombe, der katangesische Präsident, die Brücken und Straßen zu seinem Lande sprengen oder verminen lassen. Soeben haben die letzten belgischen Einheiten ihre Stützpunkte geräumt. Jetzt sind außer den einheimischen Kriegern nur noch UN-Truppen im Land: militärisch schwach, doch moralisch stark im Angesicht der Welt, wenn auch nicht nach der Meinung der miteinander verfeindeten Kongolesen und der Sowjets. Tschombe, das noch leidlich maßvolle Oberhaupt Katangas, ist überzeugt, daß die Aktionen der UN wohl oder übel Lumumba zugute kommen. Lumumba aber, der Demagoge, muß anderer Ansicht sein. Hätte er sonst verlangt, die Truppen der Vereinten Nationen sollten das Land ebenfalls räumen? Er werde – so schlägt er sich an die Heldenbrust – mit den kongolesischen Affären schon alleine fertig werden. Und seine sowjetischen Ratgeber zwinkern, er habe recht, vollkommen recht...

Im Augenblick, da die letzten belgischen Einheiten kongolesischen Boden verlassen, auf dem die Belgier – nehmt alles nur in allem – jene großen Leistungen vollbracht haben, die das Kongoland auch heute noch wertvoll machen (und dies nicht nur in materiellem Sinne!), ist es nötig, daß wir an die Zurückbleibenden denken: zumal an die paar tausend Ingenieure und Fachleute der Union Minière von Katanga, die ihre Frauen und Kinder nach Hause schickten und selber an Ort und Stelle verharren. Ihnen ist es zu danken, daß noch immer die Industrie von Katanga arbeitet und daß dieses von Belgiern geschaffene „Ruhrgebiet“ noch intakt ist, ein „Ruhrgebiet“ auf einem Boden, der landwirtschaftlich nie zu etwas nutze war und auf dem die Menschen verhungern müßten, sollten die Maschinen zu rosten beginnen. Noch immer bleiben einige tausend Missionare und Nonnen im Lande, Erzieherinnen und Krankenschwestern. Ihnen Schutz zu geben, hatte General Gheysens, der belgische Kommandeur, noch zuletzt gebeten, es sollte wenigstens eine einzige Kompanie von Fallschirmjägern noch im katanganischen Stützpunkt Kamina bleiben – mit Einverständnis Tschombes. Die UN hat abgelehnt, hat ablehnen müssen, um korrekt zu sein, obwohl sie natürlich nicht garantieren kann, daß ihre Truppen imstande bleiben, das Leben dieser Belgier zu sichern. Wahrhaftig, die belgischen Soldaten hatten Grund, ihren Rückzug aus Katanga im „Schneckentempo“ durchzuführen.

Zwei Männer bleiben im Scheinwerferlicht: Moise Tschombe, der eine „kongolesische Einheit“, die von Elisabethville bis zum 3000 Kilometer entfernten Leopoldville reichen sollte, mit gutem Recht leugnet..., der vor langen Monaten schon die belgische Regierung tadelte, weil sie, anstatt seine Bemühungen um die Selbständigkeit Katangas zu unterstützen, ihn des „Separatismus“ verdächtigte... und der hofft, daß sich um ein intaktes Katanga als Kern eine bessere Föderation kongolesischer Provinzen zusammenschließen könne. Und Patrice Lumumba bleibt, der bisher noch jeden einmal gefaßten Entschluß umwarf, der heute „Fisch“ sagt und morgen „Fleisch“, und den man, wenn man sich weigert, ihn schlechtweg als einen Wahnsinnigen zu bezeichnen, einen äußerst strebsamen Elementarschüler der leninistischen Lehre nennen muß. Rezept: Je größer das Chaos, desto größer die Aussicht, das Ganze in die Hand zu bekommen..

J. M.-M.