Char – französisch und deutsch

René Char, geboren 1907 in L’Isle-sur-Sorgue (Provence), gilt vielen als der bedeutendste französische Lyriker der Gegenwart. Seine dichterischen Anfänge, die den surrealistischen Methoden stark verpflichtet waren, verbergen noch den Dichter, der er werden sollte. Doch Char löste sich vom Surrealismus und ging seinen eigenen Weg. Diese Befreiung von einer damals übermächtigen Bewegung muß nicht leicht gewesen sein; sie war jedenfalls ein entscheidender Schritt zur Selbstverwirklichung, die bei Char mit den Jahren immer deutlicher hervortritt. Das letzte Buch, das er vor dem Krieg erscheinen ließ, zeigt schon die Wendung an, die erst sieben Jahre danach vollzogen wurde. Während der Kriegsjahre war Char Chef einer Widerstandsgruppe. 1946 erschienen dann seine Aufzeichnungen aus dem Maquis, und der Durchbruch war da.

Diese Aufzeichnungen wurden mit Recht ein dichterisches Tagebuch genannt. Es sind Notizen eines Partisanen, die „keinerlei Anleihe bei Eigenliebe, Novelle, Maxime oder Roman“ machen. Neben politischen Eintragungen stehen solche rein imaginativen Charakters. Char ist ein Dichter der Hoffnung, der mit einer Zukunft spricht, die den verwundbaren, von totalitären Mächten zertretenen und geschändeten menschlichen Wert wieder einsetzt. Um dieser Zukunft willen nimmt er den Kampf mit den Lemuren auf:

„Dieser Krieg wird über alle platonischen Waffenstillstände hinaus fortdauern. Die Imputation der politischen Begriffe wird weitergehen, kontradiktorisch, inmitten von Konvulsionen und unter dem Deckmantel einer ihrer Rechte sicheren Scheinheiligkeit. Man lächle nicht. Sondern tue alle Skepsis und Resignation ab und bereite seine sterbliche Seele darauf vor, es intra muros mit Dämonen aufzunehmen, kalt und Mikroben gleich.“

Char schreibt in der Konzentration, dem Mittelpunkt, in dem sich die Kräfte sammeln. Die Errungenschaften Chars werden nun sichtbar: Es ist vor allem die Entwicklung einer dichterischen Eidetik, die in einem Akt der Einsicht das Wesen der Erscheinungen erfaßt. Sein Auge sieht die Umrisse des Ursprungs. Rimbaud hatte in seinen llluminations den ersten Vorstoß in dieses Gelände gemacht. Dort steht beispielsweise der Satz: „Im Wald lebt ein Vogel, sein Lied macht, daß du den Schritt anhältst und errötest.“ Bei Char finden wir die Entsprechung: „Die freien Vögel dulden nicht, daß man sie ansieht. Bleiben wir im Verborgenen, verleugnen wir uns, ihnen nah.“ Das Gemeinsame des dichterischen Tastsinns wird erkennbar. Die Berufung des Dichters und der Dichtung hat Char häufig definiert. „Dichtung“ so heißt es einmal, „soll nicht zu trennen sein vom schon Erkennbaren, aber noch nicht Formulierten.“

Char ist ein Dichter des Widerstandes geblieben. Er schreibt für die Freiheit, die Schönheit, gegen die Willkür, die Knechtschaft. Dem Chaos stellt er seine ordo amoris gegenüber. Seine Tonart ist nie klagend oder pathetisch, sondern nüchtern, „nüchtern wie die Steine“. Chars Kriterium ist Aufrichtigkeit, seine Integrität unanfechtbar. Tatsächlich ist es diese Unbescholtenheit seines Wortes, die ihm seinen hohen Rang zuweist. Es gibt in Deutschland nur Günter Eich, der, im gleichen Alter wie Char, ihm an die Seite zu stellen wäre.

Dem S. Fischer Verlag ist für den repräsentativen Auswahlband zu danken –