Die Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaft Der Geist des 19. Jahrhunderts spukt noch – Glaube und Unglaube

„Die Macht des Menschen ist alarmierend“ – unter diesem Titel hat die ZEIT (Nr. 32) Beiträge des Biologen Sir Julian Huxley und des Theologen Professor Dr. Mascall veröffentlicht, in denen der vor einem Jahrhundert begonnene Stielt zwischen Darwinisten und Theologen am hundertsten Jahrestag der Royal Society in London wiederaufgenommen wurde. Jene Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Theologie hat die alten Fragen über die Entstehung der Welt, über Glaube und Unglaube, über den Sinn des Lebens und die mißbrauchte Macht des Menschen wieder aufgeworfen. Im Anschluß an die Auseinandersetzung zwischen Huxley und Mascall nehmen hier deutsche Wissenschaftler Stellung zu diesen Fragen, die viele Menschen zutiefst bewegen.

In seiner Entgegnung auf die Stellungnahme Julian Huxleys geht Dr. Mascall auf den wesentlichen Punkt der ganzen Auseinandersetzung leider nicht ein. Huxley spricht gleich zu Anfang von dem „Konflikt zwischen zwei mächtigen Denksystemen – dem dualistischen Supernaturalismus und dein monistischen Naturalismus“. Die Etikettierungen, die Huxley für die beiden konkurrierenden Weltanschauungen wählt, mögen dem philosophisch versierten Zeitgenossen ein wenig hausbacken vorkommen, aber sie geben den Inhalt des Konflikts zwischen Naturwissenschaft und Theologie durchaus zutreffend wieder.

Es geht bei diesem Konflikt nämlich keineswegs um die Frage, ob diese oder jene wissenschaftliche Theorie nicht vielleicht doch mit einer fortschrittlichen und großzügigen Auslegung der christlichen Heilslehre in Übereinstimmung zu bringen ist, sondern es geht um das allein entscheidende Problem, ob sich das den Ergebnissen unserer empirischen Erfahrung und Erkenntnis insgesamt entsprechende Weltbild und Weltgefühl mit dem Weltbild und Weltgefühl der christlichen Theologie vereinbaren läßt. Und diese Frage kann man mit Huxley nur verneinen.

Die in den Grunddogmen des Christentums zum Ausdruck kommende Weltvorstellung ist supranaturalistisch und dualistisch. Dr. Mascall hat darauf verzichtet, diesen Tatbestand zu bestreiten. Seine Ausführungen sind voll von Formulierungen, die an der strikt theologischen Auffassung auch des von ihm vertretenen wissenschafefreundlichen Christentums keinen Zweifel lassen. Hier haben wir die materielle und organische Welt, in der Gott abwesend ist, und dort die im und mit dem Menschen beginnende Wirklichkeit, in der ER „Fleisch“ wurde.

Demgegenüber hat das an der Erfahrung orientierte Denken schon immer – das heißt, ganz unabhängig von der Entwicklung einer eigentlichen Wissenschaft – die Uberzeugung gewonnen, daß es nur eine Welt und Wirklichkeit gibt. Damit wird nicht geleugnet, daß uns ein Teil dieser Wirklichkeit prinzipiell unzugänglich und rätselhaft bleibt. Aber dieses Rätsel begegnet uns überall, nicht etwa erst im Menschen. Seine speziellen Begabungen, einschließlich all der großartigen und bedenklichen Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben, heben den Menschen nicht aus der Natur heraus. In Vernunft und Geist manifestiert sich vielmehr das in allen Sphären und Phänomenen der Wirklichkeit anzutreffende „Geheimnis“ nur auf einer neuen Ebene und in einer neuen Form. Und dieses „Geheimnis“ dringt auch nicht von irgendwoher in die bis dahin „geheimnislose“ Realität ein. Alles, was ist, ist immer geheimnislos und geheimnisvoll zugleich. Der Mensch muß nicht erst von einer außerhalb der Wirklichkeit befindlichen Macht auserwählt und angesprochen werden, um der „Fülle des Seins“ teilhaftig zu sein.

Unsere wissenschafts- und fortschrittsbeflissenen christlichen Theologen pflegen zu übersehen, daß der wesentliche Beitrag der neuen Naturwissenschaft eben in dem Nachweis besteht, daß wir bereits im Bereich der Physik und Chemie an das immanente Geheimnis der Welt stoßen. Die Wissenschaft hat also das „Numinose“, das die Teologie der „bloßen“ Natur entzogen hatte, um es zu isolieren und zu personalisieren und ihr als „Gott“ gegenüberzustellen,wieder in die Welt zurückgeholt.