Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin und Kanzlerkandidat der SPD, hat in einem Interview mit dem Sender Freies Berlin geäußert:

1. „Wir sollten auf den zweifelhaften Ehrgeiz verzichten, die Bundesrepublik zur Atommacht entwickeln zu wollen.“

2. „Wir können uns nicht auf den Standpunkt stellen, es sei moralisch minderwertig, mit nuklearen Waffen umzugehen und unsere Verbündeten sollten sich gewissermaßen die Hände allein schmutzig machen.“

Es ist schwierig, in diesen beiden Feststellungen keinen Widerspruch zu sehen. „In loyalen Beratungen mit unseren NATO-Partnern“ soll, wie Brandt vorschlägt, das Problem erörtert werden. Das kann doch wohl nur so verstanden werden, daß auch Brandt meint, die Bundesrepublik solle in der Atombewaffnung – gemäß dem NATO-Dokument MC 70 – ihren Beitrag leisten und die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen ausrüsten. Wäre sie aber damit nicht Atommacht? Oder versteht Brandt unter Atommacht nur ein Land, das selbst Atomwaffen herstellt? Macht er vielleicht einen Unterschied zwischen taktischen und strategischen Atomwaffen? Das wäre allerdings ein Unterschied, den der SPD-Experte Erler kategorisch ablehnt. Die Atommacht begänne dann für Brandt bei den strategischen Waffen. Auf jeden Fall: Gegen taktische Atomwaffen hat Brandt offenbar keine Einwände, immerhin....

Diese Interpretation wird durch ein Interview gestützt, das der Regierende Bürgermeister von Berlin vor wenigen Tagen dem Korrespondenten der Times gab. Dort heißt es: „Die Atombewaffnung der Bundeswehr sollte in erster Linie von der NATO entschieden werden. Die jetzt schon vorhandenen Waffen, die mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden können, wurden (von Brandt) akzeptiert, aber die Bundeswehr sollte nicht von sich aus weitere Waffen verlangen.“

Damit befindet sich Brandt im glatten Widerspruch zur offiziellen Parteilinie. Im „Vorwärts“ hatte der SPD-Experte Erler vor einem Monat die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, auch mit taktischen, abgelehnt.

Was unterscheidet die beiden Interviews Brandts? Zunächst einmal der Grad der Deutlichkeit. Aus dem ersten, für deutsche Hörer bestimmten Interview ist die Billigung taktischer Atomwaffen nur durch mühsame Interpretation herauszulesen. Im Interview mit dem englischen Korrespondenten ist Brandt offenherziger...

Sollte der Regierende Bürgermeister Berlins das, was er als Privatmann über die Atombewaffnung denkt, als Kanzlerkandidat der SPD nicht aussprechen können? Gibt es eine Sprachregelung für den innerdeutschen Gebrauch? Eine bedeutende, der SPD nahestehende Hamburger Zeitung jedenfalls stellte ihrem Bericht über das (deutsche) Interview Brandts kühn die Schlagzeile voran: „Brandt gegen Atomwaffen“. Rolf Zundel