h. e., Lübeck

Auf einem Acker hinter einem tschechischen Dorfschulhaus wurde Mitte April 1945 der Stabsfeldwebel Hubert Klügel erschossen. Das genaue Datum ist unbekannt – „vermutlich“ schrieb man damals den 12. April 1945. Er wurde „formlos“ erschossen, also ohne Verhandlung vor einem Kriegsgericht. Den Befehl dazu gab sein Regimentskommandeur Major Franz Freiherr von Ruffin.

Jetzt stand der ehemalige Regimentskommandeur und Gutsherr auf Basthorst im Lauenburgischen vor dem Lübecker Schwurgericht. Die Anklage lautete auf Totschlag. Sachlich knapp, manchmal mit kaum hörbarer Stimme machte er seine Aussagen. Manchmal zuckten die Finger nervös. 21 Zeugen waren aufmarschiert. Erinnerungslücken tauchten auf. Aussagen standen gegen Aussagen. Kein Wunder, denn fünfzehneinhalb Jahre sind vergangen, seit das Erschießungskommando den Befehl ausführte.

Da ist der Zeuge Paasche, heute kaufmännischer Angestellter in Helmstedt, damals Fahnenjunkerfeldwebel. Er war wie der Erschossene Zugführer. Er schildert die Ereignisse so: Gemeinsam mit einem dritten, unbekannten Feldwebel sollten die drei mit ihren Leuten damals einen kahlen Hügel verteidigen. In ausgebauten Stellungen erwarteten sie die Nacht. Irgend etwas tat sich in der Dunkelheit. Russen? Paasche sagt ja. 250 ungefähr seien es gewesen. Gesehen hat er sie jedoch nicht. Die Zugführer hielten Rat. Das Ergebnis: sie setzten sich mit ihren 40 bis 50 Mann, ohne einen Schuß abzufeuern, auf eine bewaldete Kuppe ab. Im Morgengrauen fand sie ein Melder. Die drei Feldwebel wurden zum Regimentsgefechtsstand kommandiert, ohne Waffen. Major von Ruffin stauchte sie zusammen: „Wer ist der Dienstälteste?“ Es war der Stabsfeldwebel Klügel. Major von Ruffin legte ihm die Hand auf die Schulter: „Sie sind verhaftet. Sie werden sofort erschossen.“ Klügel wurde auf den Acker geführt, 150 Meter hinter der Schule. Er nahm das Fernglas aus der Tarnbluse, damit es keine Querschläger geben sollte. Für eine Minute drehte er sich um, faltete die Hände. Kehrtwendung. „Kameraden, schießt in Brusthöhe.“ Die Salve verhallte.

Der Angeklagte bestätigte die Aussage des Zeugen. Nur seien die Feldwebel nicht zu ihm zum Rapport befohlen gewesen. Er habe sie vielmehr beim eigenmächtigen Absetzen im Gelände gestellt. Sein Adjutant bestätigte das.

Paasche macht keine glückliche Figur. Der Verteidiger des Angeklagten, der Bremer Rechtsanwalt Kulenkampff, nimmt ihn in die Zange. Zeitweilig verwandelt sich das Schwurgerichtsverfahren in ein Militärtribunal. Taktiklehren aus der Kriegsschule werden vorgekramt. Vorteil und Nachteil eines Nachtgefechts unter Berücksichtigung der ausgebauten Stellungen und des Überraschungsmoments werden durchexerziert. Und da kommt der lapsus linguae, auf den der Verteidiger wartet. „Wir wollten in den Wald ausbüchsen entfährt es Paasche.

Dann kommt der Tiefschlag des Verteidigers: „Der Zeuge Paasche unterhält starke Ostkontakte. Gegen ihn bestehen abwehrmäßig größte Bedenken.“ Paasche war vier Jahre Volkspolizist in der Zone, ehe er sich nach dem Westen absetzte. Er könnte deshalb, so unterstellt Kulenkampff, einer der Agenten sein, die im östlichen Auftrag mit falschen Zeugenaussagen Offiziersprozesse in der Bundesrepublik anheizen sollen. Der Verteidiger des Nebenklägers (er vertritt den Bruder des Erschossenen), der Mainzer Rechtsanwalt und SPD – Bundestagsabgeordnete Wittrock, schlägt hart zurück. Er bietet Aufklärung darüber an, wie Gutachten des Verfassungsschutzes zustande kommen. Das Gericht beschließt, vertrauliche Auskünfte einzuholen. Wittrock informiert die Presse: „Es vermag die Wahrheitsfindung generell zu beeinträchtigen, wenn es möglich wäre, durch unsubstantiierte Erklärungen über Ostkontakte ohne anschließende Sachaufklärung die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu beeinträchtigen.“ Es stellt sich dann heraus: weder der Bundesnachrichtendienst noch der Verfassungsschutz wissen Nachteiliges über Paasche zu melden.