In der Linken hält sie, den Ellenbogen in die Rechte gelegt, eine lange Zigarettenspitze. Porzellanbleiches Gesicht, blaßrote Lippen, dunkel umrandete Augen, sehr verführerisch; platte Pagenfrisur unter engem, sehr hohem Hut. Den Körper hüllt ein röhrenenges, taillenloses Kleid ein, dessen einzige Zierde ein breiter, mit Pelz besetzter Saum ist: Das neue Idol, wie es in Paris gepriesen wird. Die Männer, obwohl sichtbar gemachten und betonten Formen nicht unbedingt abhold, werden ihre Phantasie beflügeln müssen und wiederentdecken, daß das Geheimnis aller Lüste Anfang ist. Was für die Frauen in Paris erdacht worden ist, ist freilich nicht ganz neu. Doch – was heißt in der Mode schon „neu“? Die Couturiers griffen beherzt in die Truhe historischer oder legendärer Kostüme. Türkische Sultane und ihre Haremsdamen standen Pate für ausladende Abendhosenkleider oder Rockhosen, Hosen indessen, die mit strammen Teenagerhosen und artigen Herrenbeinkleidern nicht viel gemein haben. Salome tritt auf mit hauchdünnen drapierten und gerafften Chiffongewändern – freilich ohne daß auch nur ein Schleier fiele. Die Roben von Renaissance-Damen und zaristischen Mondänen waren Vorbild, ja, selbst die Kluft der Kosaken verschenkte Inspirationen. Das alte China erscheint mit schweren steifen Jacquard- und Brokatstoffen, die offenbar nicht nur für Vorhänge oder Sitzmöbel taugen. Andere bevorzugte Stoffe sind Jersey, Marocain, Velour, Chenille, Chiffon, Crêpe, stumpf glänzende Seiden- und fließende Wollstoffe. Die Farben sind herbstlich gemischt: Graurot, Bronzeoliv, Braunviolett, Grünschwarz; hier und da nur lodern ein paar leuchtende Farben auf. Den großen Triumph aber feiert Schwarz. Es ist ganz gewiß: Das Bemühen gilt der damenhaften Dame. So ist der Vamp auch kein echter Vamp mehr; geblieben ist nur das Geheimnisvolle, die Lust, zu verbergen, nur anzudeuten. Allen Bardots und Ekbergs zum Trotz werden Brust und Taille ignoriert; die Kleider sind vorn oft hochgeschlossen (nur den Rücken gibt der Ausschnitt frei); Asymmetrie verursacht reizvolle Effekte: Kleider werden seitlich geschlossen, seitlich gerafft, Stoffe nach ausgeklügelten Schnitten schräg verarbeitet und mit Schleifen oder großen Knöpfen üppig geschmückt; Schlitze tun sich auf – und sind voller Trug, denn sie enthüllen oft nur eine neue Hülle; lange Abendroben schlagen vom auf – und verbergen schon beim nächsten Schritt wieder. Es ist, als komme die alte Maxime zu neuen Ehren: Eine kluge Frau sagt nur – vielleicht... m. s.