Das Begräbnis eines Freundes und die Lektüre von Nachrufen müssen jemanden, der so etwas wissend und leidend miterlebt hat – und wem von uns bliebe das auf die Dauer erspart? – in einem doppelten Vorsatz bestärken: 1. seinen eigenen Nachruf, für alle Fälle, selber zu schreiben und ihn dem Testament beizuheften; 2. den Freunden möglichst schon bei Lebzeiten gerecht zu werden.

Es ist der zweite dieser jüngst wieder bestärkten Vorsätze, der mich veranlaßt, jetzt, da es einen Grund und einen Vorwand gibt, von Ludwig Marcuse zu reden – dem gleichen Mann also, der durch seine – Gedanken über „das Obszöne in der Literatur und außerhalb“ einigen Staub aufgewirbelt hat.

Demnächst erscheint, unter dem Titel „Mein zwanzigstes Jahrhundert“, Ludwig Marcuses Autobiographie im Paul List Verlag, München. Vorabdrucke standen schon in einigen großen Zeitungen. Auch wir drucken hier ein (bisher ungedrucktes) Kapitel aus dieser Autobiographie ab, und zwar das Anfangskapitel, das sich noch weniger mit dem zwanzigsten Jahrhundert; noch mehr mit der Person des Chronisten beschäftigt.

Dies erschien uns gerechtfertigt, da unseren Lesern der Name Ludwig Marcuse als der eines ständigen Mitarbeiters der ZEIT vertraut ist, da viele von den Jüngeren jedoch oder von den an literarischen Interna weniger Interessierten sich zuweilen schon gefragt haben mögen: Wer ist eigentlich Ludwig Marcuse? Die einen kennen den geist- und kenntnisreichen Heine-Biographen, die anderen den philosophischen Betrachter der Philosophie, Dritte den von seinen Studenten geliebten Universitätslehrer oder den brillanten Essayisten oder den temperamentvollen Polemiker – und manche von ihnen wüßten es gerne genauer: wer ist eigentlich Ludwig Marcuse?

Wie Ludwig Marcuse wurde, was er ist, darüber lesen wir hier von ihm-selber etwas, anderes demnächst in der angekündigten Autobiographie. Wie Ludwig Marcuse zur ZEIT kam, darüber erfuhr ich von ihm unlängst: „Es war wohl 1956 oder 57. Ich war im Rowohlt-Verlag. Da rief mich ein Mann namens Hühnerfeld an, er möchte mich so gerne sprechen. Ich wußte nicht viel von der ZEIT und gar nichts von ihm, er war sehr enthusiastisch, wollte sofort einen Artikel, den ich gleich im Nebenzimmer schreiben sollte, verführte mich zur Mitarbeit...“

Für mich bedeutete Ludwig Marcuse jahrelang: Manuskripte, die auf einem von den klugen Hämmern der Schreibmaschine leicht angehackten Luftpostpapier eintrafen – Absender: Deutsches Seminar der Universität Kalifornien – und in einer eigenwilligen Sütterlinschrift, meist mit roter Tinte, korrigiert und ergänzt waren. Da ging es um deutsche Literatur oder um amerikanische Philosophie, aber immer gleich blieb der Stil: eine beunruhigende Mischung von Altersweisheit und jugendlichem Ungestüm. Auch die Wirkung dieser Manuskripte war so, wie jeder Redakteur sie gerne hat: viel begeisterte Zustimmung, viel heftige Ablehnung, Dank für Informationen und neue Anregungen zum Denken, niemals jedoch das jeden Schreiber vernichtende Urteil: na und...?

Ich traf Ludwig Marcuse selber erst viel später, auf einem jener „Darmstädter Gespräche“, das mir nur seinetwegen denkwürdig geblieben ist. Es ging darum, ob der Mensch eßbar oder meßbar oder irgend so etwas sei. Marcuse freute sich, daß man ihn eigens aus Kalifornien geholt hatte, damit er an diesen Gesprächen, die sich eines recht hohen Prestiges erfreuten, teilnehmen konnte; er freute sich wie ... ja, wie eben einer sich nach vielen Jahren der Abwesenheit von zu Hause darüber freut, daß man ihn dort noch kennt, daß er dort gebraucht wird. Dann wurde sein Vortrag verschoben. Er trug es mit Fassung. Der Vortrag wurde ein zweites Mal verschoben – noch immer war Marcuse von einer wahren Engelsgeduld. Dann kam die dritte Verschiebung, ja, der Vortrag schien überhaupt in frage gestellt – und da haute Ludwig Marcuse auf den Tisch, daß die Scheiben klirrten, daß die Gäste in dem dezenten Foyer des vornehmen Darmstädter Hotels sich leicht indigniert umsahen und der Geschäftsführer mit sich rang, ob er einschreiten müsse.