Aber die „Enthüllungen“ aus den US-Archiven bestätigen nur Bekanntes

Seien Sie äußerst vorsichtig bei allenVerhandlangen mit den Russen“, mahnte Churchill den amerikanischen Präsidenten Truman, der gerade Roosevelts Nachfolge angetreten hatte. Das war vor mehr als fünfzehn Jahren in jenen Wochen zwischen der Kapitulation Deutschlands und der Potsdamer Konferenz, als die Anti-Hitler-Allianz zu zerbrechen begann, noch ehe der Zweite Weltkrieg im Fernen Osten beendet war.

„Furchtbare Dinge sind beim russischen Vormarsch in Deutschland geschehen“, erklärte der britische Kriegspremier. „In den kommenden zwei Monaten werden die schwerwiegendsten Dinge in der Welt entschieden werden.“ Lasse man zu, daß die Sowjets die von ihnen eroberten Gebiete behalten, „dann wird dadurch die Woge der sowjetischen Herrschaft 200 Kilometer vorwärts geschwemmt ... Das wäre ein Ereignis, das, wenn es geschähe, eines der traurigsten in der Geschichte sein würde.“

So beschwor Churchill die Zukunft im Mai des Jahres 1945, als er dem amerikanischen Präsidenten kabelte: „Ein eiserner Vorhang ist vor der russischen Front niedergegangen. Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht.“

Dies und anderes mehr über die Verhandlungen in Potsdam und ihre Vorgeschichte erfahren wir aus Geheimdokumenten, die in der vergangenen Woche in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurden; unter anderem auch, daß Stalin mit Truman ausdrücklicher Zustimmung am 18. Juli 1945 eine japanische Bitte um Friedensvermittlung zurückwies, drei Wochen vor dem Tag von Hiroshima, der ein neues Zeitalter einleitete.

Das gab für viele Blätter Anlaß genug, von „Enthüllungen“, einer „aufsehenerregenden Dokumentenaffäre“, „neuem Licht auf das Kriegsende“ zu schreiben, Anlaß genug zudem für das US-Außenministerium, seine sämtlichen Archive – auch für wissenschaftliche Studien – zu sperren.

Was ist geschehen? Unsere Kenntnis von der Potsdamer Konferenz und ihrer Vorgeschichte stützte sich bislang auf die Memoiren der Hauptbeteiligten, besonders Churchills und Trumans. Seit langem war bekannt, daß das US-Außenministerium eine große Dokumentenpublikation – vergleichbar den Jaltadokumenten – vorbereitete. Ihre Veröffentlichung wurde aber, vermutlich auf Wunsch von Außenminister Herter, auf die Zeit nach den Novemberwahlen aufgeschoben – wohl um eine hitzige und möglicherweise den Wahlkampf belastende Diskussion zu vermeiden.