Mit einem Lieblingskind der „schwarzen“ Sozialpolitik kommt die Bürokratie des Bundesarbeitsministeriums demnächst nieder. Der Entwurf einer Neuregelung der Sonntagsarbeit – sprich: ein weitgehendes Verbot derselben – wird in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit vorgelegt werden, und die Novelle kommt – falls sie die rechtlichen Hürden nehmen kann – gerade noch rechtzeitig, um im Präsentkorb des Wahljahres überreicht zu werden. Die gegenwärtige Regelung, wonach in den deutschen Stahlwerken auch sonntags gearbeitet werden kann – wie übrigens in allen stahlerzeugenden Ländern der Welt –, ist der katholischen Kirche im Ruhrgebiet seit langem ein Dorn im Auge; wenn das Verbot der Sonntagsarbeit als eine nicht von den Tarifpartnern geforderte Arbeitszeitverkürzung verwirklicht werden wird, ist der Absender dieses „Wahlgeschenkes par excellence“ bekannt.

Die geltenden Vorschriften haben es den Hüttenwerken bisher ermöglicht, einen kontinuierlichen Betrieb in den Hochofen- und Stahlwerken sowie in den unmittelbar nachgeschalteten Walzanlagen der sogenannten „ersten Hitze“ aufrechtzuerhalten. Das ist eine Regelung, die sich aus technischen Gründen anbietet und die bisher auch stets die Billigung der IG Metall gefunden hat. Dagegen sieht nun die Novelle des Bonner Arbeitsministeriums vor, daß in den Siemens-Martin- und Elektrostahlbetrieben eine sonntägliche Betriebsruhe von 8 Stunden und in den den Thomasstahlwerken eine Sonntagsruhe von 16 Stunden eingeführt wird. Völlig neu ist an diesen Plänen, daß die Betriebsruhe auch ein absolutes Reparaturverbot einschließen soll.

Die IG Metall, die eben erst in den Tarifverhandlungen mit der eisenverarbeitenden und eisenschaffenden Industrie einen Drei-Stufen-Plan zur Erreichung der Vierzig-Stunden-Woche als bisher größten Erfolg feiern konnte, erhält mit diesen Vorschlägen aus Bonn unerwartete Schützenhilfe. Zur Zeit werden in den kontinuierlich arbeitenden Betrieben der Hüttenwerke an der Ruhr 168 Wochenstunden, das sind 4 Schichten zu je 42 Stunden, verfahren. Nach den letzten Vereinbarungen zwischen den Tarifparteien bei Eisen und Stahl sollte in diesen Betrieben die 42-Stunden-Woche sogar auch noch nach dem Jahre 1965 – nachdem die übrige Stahlindustrie die 40-Stunden-Woche erreicht haben wird – beibehalten werden. Denn der andere Ausweg, die 42stündige Arbeitszeit durch ein sogenanntes „Springersystem“ zu erhalten, wird auch von Seiten der Gewerkschaft strikt abgelehnt. Das mit dem Springersystem verbundene Auseinanderreißen von eingearbeiteten Teams – so wird im Arbeitgeber- und Arbeitnehmerlager einmütig argumentiert – bringe Schwierigkeiten mit sich.

Demnach bringt also – wenn der 4-Schichten-Rhythmus zwingend beibehalten werden muß – die von Bonn verordnete Sonntagsruhe eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 160 Wochenstunden im einen und auf 152 Wochenstunden im anderen Falle. Damit ergäbe sich sofort die 40-Stunden-Woche in den SM-Stahlwerken und eine 38-Stunden-Woche in den Thomasstahlwerken. Während ein Bundesministerium nachdrücklich vor überstürzten Arbeitszeitverkürzungen warnt, ist gleichzeitig das andere fleißig dabei, auf diesem Gebiet großzügige Geschenke zu offerieren.

In der westdeutschen Hüttenindustrie ist das Echo auf die (ferngelenkte) Attacke begreiflicherweise nicht gerade begeistert. Denn wenn auch für viele Persönlichkeiten des Reviers ein Konflikt mit führenden Vertretern der katholischen Kirche ein heißes Eisen darstellt, so geht es der Stahlindustrie bei ihrer Stellungnahme zu dem Bonner Entwurf buchstäblich um das heiße Eisen selber. Das Stillegen und Wiederanfahren von Stahlwerken ist stets mit hohen Energieverlusten verbunden. Nicht nur in den Stahlöfen, auch beim Weiterwalzen ist das Ausnutzen einer Hitze eine Notwendigkeit, die nicht nur die Qualität, sondern auch die Kosten der Stahlerzeugung entscheidend beeinflußt. Das Verbot der Sonntagsarbeit würde nach ersten Berechnungen die Produktionskosten der westdeutschen Stahlindustrie um 2,5 bis 3,5 vH, erhöhen. Die Aussicht ist wenig verlockend, daß diese zusätzliche Belastung nunmehr, nach den bisher aufgefangenen Kostensteigerungen, eine Stahlpreis-Diskussion heraufbeschwören könnte.

„Mit Zähnen und Klauen werden wir die Aufrechterhaltung der kontinuierlichen Betriebsweise verteidigen“, lautet der Kommentar eines potenten Stahlmannes. In allen Industrieländern der Welt – „auch im katholischen Italien und im puritanischen England“ – werde das technische Gesetz der kontinuierlichen Arbeitsweise bei Eisen und Stahl anerkannt. Einen Produktionsausfall von mindestens 10 vH der gegenwärtigen Rohstahlproduktion hätte die Sonntagsruhe zunächst zur Folge. Was eine Verknappung um 3 Mill. t Stahl in der gegenwärtigen Hochkonjunktur bedeuten würde, ist unschwer abzusehen.

Aber das alles sind Gesichtspunkte, die für die Verfechter dieser Forderung offensichtlich keine Rolle spielen. Ingrid Neumann