G. Z., Karlsruhe

Der Rechtsanwalt Dr. Gerhard Caemmerer zieht nur ungern die schwarze Robe an. Nicht, weil er sich in „Berufskleidung“ nicht wohl fühlt: Unter der Robe wird die weiße Nelke gedrückt. Die weiße Nelke am Revers – im Sommer wie im Winter – ist im Laufe der Jahre zum „Warenzeichen“ von Karlsruhes prominentestem Strafverteidiger geworden.

Auch am Morgen des 1. September konnte sich der Anwalt, der in dem Ruf steht, durch die Kunst der Rede auch den „härtesten“ Geschworenen zu Tränen zu rühren, nur schwer entschließen, die taufrische Knopfloch-Nelke zu gefährden. Dabei stand an diesem Vormittag viel auf dem Spiel: Es ging darum, die richtige Grenze zu ziehen zwischen dem Recht der freien Meinungsäußerung und der gesetzlich garantierten Schutzsphäre des einzelnen.

Der Süddeutsche Rundfunk hatte am 29. Juli 1960 in der Sendung „Der Krieg im Groschenheft“ herbe Worte der Kritik an dieser Literaturgattung gefunden. Daß dabei vor allem der Pabel-Verlag in Mitleidenschaft gezogen wurde, liegt auf der Hand, denn die Groschenheftfabrik des Verlegers Erich Pabel liefert nicht nur in endloser Serie die als „Große europäische Jugendzeitschrift“ deklarierten anspruchslosen „Fix und Foxi“-Hefte, sondern beherrscht mit einer Gesamtauflage von neun Millionen (innerhalb von drei Jahren) mit Abstand den Markt der Landser-Schwarten. Pabel zitierte den Verfasser der kritischen Sendung, den Studenten und freien Rundfunk-Mitarbeiter Luzian Neitzel aus Hamburg, vor die Fünfte Zivilkammer des Landgerichts Karlsruhe.

Vor der bescheidenen Szenerie eines Vier-Bankreihen-Sitzungssaales – als Publikum nur der verklagte Autor, zwei Leute aus dem Pabel-Verlag und einige Journalisten – wurden Probleme angepackt, die für die „Freiheit des Wortes“ von entscheidender Bedeutung sind. Aus dem umfangreichen Manuskript des Rundfunk-Journalisten Neitzel hatte sich der Rechtsvertreter des Verlages, Dr. Zobel, mit sicherem Griff die Seite 17 herausgesucht und zum Schwerpunkt seines Angriffes gemacht. Hier hatte Neitzel den Pabel-Leuten den Vorwurf gemacht,sie beschönigten aus Profitgründen den Krieg. „In Rastatt schreckt man vor einer realistischen Darstellung des Grauens zurück“, schloß Neitzel, „weil es dem Groschenheft-Verleger ausschließlich ums Geld geht.“

„Das ist nicht nur Geschäftsschädigung, sondern hier wird auch der Verlags-Inhaber verleumdet“, beklagte sich Anwalt Zobel. Und als Zeugen für die Daseinsberechtigung der Pabelschen Heftchen zitierte er von Heraklit über Shakespeare zu Schiller alles, was in 2000 Jahren das Lob des Krieges gesungen hatte. „Ich will damit jedoch nicht sagen, daß die Landser-Hefte Anspruch darauf erheben, Weltliteratur zu sein“, schränkte Zobel freilich seine historischen Vergleiche ein. Was er damit sagen wollte, sei nur, daß es dem Rastatter Unternehmen darum gehe, „Not und Elend des Völkermordens darzustellen und die Ehre des deutschen Soldaten wiederherzustellen“.

Der Landserheft-Kritiker Neitzel konnte kaum noch an sich halten. Immer wieder meldete er sich nach Schuljungenart zu Wort, aber die Richter der Fünften Zivilkammer wandten sich doch lieber an seinen Verteidiger, um die Meinung der Gegenpartei zu erfahren. Dr. Caemmerer nahm kein Blatt vor den Mund und erklärte rundheraus: „Wenn wir Dreck nicht mehr Dreck nennen dürfen, dann müssen wir das Grundgesetz ändern.“ Was stehe denn eigentlich höher? Das öffentliche Interesse beim Schutz der Jugend oder das Geschäftsinteresse eines Unternehmers. „Geldverdienen ist doch keine Schande“, meinte der redegewandte Nelken-Anwalt verständnisvoll. Und wenn man jemandem sage, er richte seine Verlagsproduktion nach diesen Gesichtspunkten aus, dann könne doch darin wahrhaftig weder eine Geschäftsschädigung noch eine Verleumdung liegen. „Kritik muß sein – im öffentlichen Interesse.“ Das Recht der freien Meinungsäußerung dürfe auf diese Art und Weise nicht beschnitten werden.