Kürzlich wurde einem begabten jungen Komponisten von dem Musikabteilungsleiter eines deutschen Senders ein Werk zurückgeschickt mit der Begründung, es sei „Unterhaltungsmusik“. Es handelte sich um eine „ernste“ Orchestersuite, die sich von vielen anderen heutigen Kompositionen dieser Gattung dadurch unterscheidet, daß sie die Arbeit eines hervorragenden Könners und infolgedessen nicht problematisch war. Aber so weit sind wir schon, daß nicht mehr als „ernst“ anerkannt, nicht mehr ernst genommen wird, was keine Rätsel aufgibt. Musik, die den Hörer angenehm unterhält, wird aus eben diesem Grunde deklassiert (denn „Unterhaltungsmusik“ ist unter seriösen Musikern und nach dem offiziellen Sprachgebrauch der GEMA eine Branchenbezeichnung für Café-, .Tanzflächen- und Schlagermusik). Umgekehrt: als „ernste“ Musik wird nur anerkannt, was dem Unterhaltung suchenden Menschen mißfällt, was ihm nicht eingeht, was ihn langweilt oder ihm grundsätzlich unverständlich ist.

In den großen Zeiten der Tonkunst gab es diese krasse Trennung des „Ernsten“ vom „Unterhaltenden“ nicht. Eben darin tat sich die Größe jener Musik kund, daß sie auch denen etwas geben konnte, die sie nicht mit dem Intellekt zu erfassen vermochten; daß sie auf verschiedenen Stufen „verständlich“ und genießbar war. Das hat sich wesentlich und entscheidend erst im vorigen Jahrhundert geändert. Und erst seitdem auch trennen sich die Erwartungen der Hörer „ernster“ von denen „unterhaltender“ Musik wesentlich und entscheidend.

Diese Entwicklung hatte eine verhängnisvolle Folge: den zunehmenden Schwund des Wertgefühls, des Urteils- und Unterscheidungsvermögens. Den heute geläufigen Unterscheidungen „ernst“ oder „unterhaltend“, „neu“ oder „alt“, „modern“ oder „unmodern“, „revolutionär“ oder „reaktionär“ entsprechen keinerlei ästhetische und geistige Wertgrundlagen. Es sind lediglich Warenmarken für den Kunstgeschäftsverkehr und Renommiervokabeln für die Sachverständigengesprädie Halbgebildeter.

Eine ganz besonders törichte Art, Musik von Musik zu unterscheiden, ist die: daß man der Jugend die Unterhaltungsmusik und den Schlager als ihr wesensgemäß zuordnet, dem reifen Alter aber die „ernste“ Musik wenn auch nicht gerade aufzwingen möchte, so doch sie ihm gewissermaßen als Zugabe eines schon etwas gedämpften Lebensgefühls wenigstens konzediert. Also: das „Klassische“ als Trostpreis für die Alten, die sich des fröhlichen Unsinns nicht mehr erfreuen können. Dazu ist denn doch zu bemerken: auch diese Unterscheidung von „Musik für Jugendliche“ und „Musik für Erwachsene“ entbehrt jeder Begründung in der Wirklichkeit. Ich selbst zum Beispiel habe weder in meiner Familie noch in meiner zahlreichen Freundschaft Jugendliche gekannt, die sich für Schlagermusik interessierten, wohl aber viele, die sich in der qualifizierten Kunstmusik gut auskannten und neben dieser auch den kultivierten Jazz pflegten. Andererseits begegneten mir genug Erwachsene, die sich bei Schnulzen und den fadesten Textblödeleien so pudelwohl fühlten, daß der Laie nur staunen konnte. Wertgefühl, Urteils- und Unterscheidungsvermögen sind eben keine Altersangelegenheit, sondern Sache des Niveaus, der Intelligenz und nicht zuletzt: der Erziehung.

Übrigens – um das noch nachzuholen –: die Unterscheidung von „Unterhaltung“ und „Ernst“, als Gegensätzen, ist schon deshalb unhaltbar, weil ja, wie bekannt, die Geschmäcker verschieden sind. So gibt es eben auch ungezählte Menschen, die sich bei sogenannter „Unterhaltung“ entsetzlich langweilen, dagegen bei „ernsten“ Kunsteindrücken ein inniges Vergnügen empfinden. Das Umgekehrte braucht gar nicht erst versichert zu werden, denn es ist das Gewöhnliche.

Aber zurück zum Stichwort „Erziehung“. Da ist es nun eine wirklich verdienstliche Leistung des Schulfunks von Radio Bremen, daß er mit seinen Wunschkonzerten „Das möchten wir hören“ eine gewissermaßen schmerzlose pädagogische Therapie verbindet. Es muß nämlich nicht nur jeder Schüler seinen Wunsch begründen, sondern die Begründungen werden auch bei der Sendung verlesen. Dadurch wird der Jugendliche zum Nachdenken angeregt, und seine Selbstkritik wird geweckt, wenn er seine Argumente mit denen anderer vergleichen kann.

Freilich darf diese Wirkung auch wieder nicht überschätzt werden; denn es ist nicht zu vermuten, daß einer, dem das Bekenntnis „Bach und Beethoven finde ich doof“ glatt aus der Feder fließt, hinreichend geistbegabt und entwicklungsfähig sei, um stutzig zu werden, wenn er hört: „Schlager sind zum Abschießen! Ich wünsche mir die Arie des Papageno aus der Zauberflöte von Mozart. Das ist noch Musik.“