Von Rudolf Walter Leonhardt

Unser monatlicher Verkaufserfolg-Zähler, auch „Seller-Teller“ genannt, ist zur Institution geworden. Mit einer Exaktheit, die denn doch viele -Erwartungen (nicht zuletzt unsere eigenen) übertraf, ermitteln wir Monat für Monat die Bücher, die in den Großstadt-Buchhandlungen am häufigsten verlangt werden. Der schöne Erfolg ist enger Zusammenarbeit mit den folgenden Buchhandlungen zu danken:

Marga Schoeller Bücherstube, Berlin Johs. Storm Buchhandlung, Bremen Schrobsdorff’sche Buchhandlung, Düsseldorf Braunsche Buchhandlung, Duisburg

Buchhandlung G. D. Baedeker, Essen Frankfurter Bücherstube Schumann & Cobet,

Frankfurt am Main

Hamburger Bücherstube Felix Jud & Co., Hamburg

Sachse & Heinzelmann GmbH Buchhandlung, Hannover

Bücherstube am Dom Hanns Meyer & Co., Köln

Johannes Gutenberg Buchhandlung, Mainz A. Bender’s Buchhandlung, Mannheim Chr. Kaiser Buchhandlung, München Buch- und Kunsthandlung H. Schrag, Nürnberg Julius Weise’s Hofbuchhandlung, Stuttgart.

Die gleichen Buchhandlungen haben uns, anläßlich der Frankfurter Messe, geholfen bei der Zusammenstellung der oben genannten „Weihnachts-Bücher“ – jener Bücher also, von denen anzunehmen ist, daß sie in der alljährlich um diese Zeit einsetzenden und bis Ende Dezember reichenden Hausse des deutschen Buchmarktes die höchsten Dividenden bringen.

Äußerlich erscheinen „die Großen Fünf“ in der vom Seller-Teller her vertrauten Form. Auch lief das Ermittlungsverfahren rein technisch gesehen ganz ähnlich: Nur, daß wir eben nicht, wie beim Seller-Teller, gefragt haben: „Welche Bücher haben Sie im vergangenen Monat am besten verkauft?“ – sondern. diesmal lautete die Frage: „Welche Bücher, glauben Sie, werden im Weihnachtsgeschäft am meisten gekauft werden?“

Der Unterschied ist klar genug: Diese Zusammenstellung kann nicht den Seller-Teller-Anspruch auf Exaktheit erheben. Es handelt sich um Vermutungen, Prognosen – ein „Bücher-Toto“, wie es einer unserer Vertrauens-Buchhändler genannt hat.

Wir haben es also zunächst und in erster Linie mit einer Spielerei zu tun, die niemand ernster nehmen sollte, als er das Geschäft des In-die-Zukunft-Sehens ganz allgemein zu nehmen bereit ist.

Ein bißchen allerdings unterscheiden sich diese Prophezeiungen schon von der Wahrsagerei aus Vogelflug oder Kaffeesatz – und dafür gibt es drei gute Gründe:

1. Wir haben ja nicht irgend jemanden gefragt, was er zu den von den Verlagen jetzt angebotenen Büchern meint – sondern die noch immer maßgeblichen Leute: die Buchhändler; Leute also, die durch jähre- und jahrzehntelange Erfahrungen ein recht zuverlässiges Gefühl für Literatur haben.

2. Der Buchhandel und die literarische Kritik sind die beiden wichtigsten Kräfte, die von außen her über den Erfolg eines Buches entscheiden (abgesehen also von den entscheidenden Faktoren, die in dem jeweiligen Buch selber liegen). Die Entscheidung des Buchhändlers hat aber der Entscheidung des Literaturkritikers das voraus: Sie ist in der Regel verbunden mit finanziellem Engagement. Das heißt also: wenn der Kritiker sich bei der Beurteilung eines Buches irrt, leidet allenfalls sein Prestige; wenn der Buchhändler die Chancen eines Buches falsch beurteilt, leidet sein Geschäft – und zwar unter Umständen ganz erheblich: Sei es, daß er sich zuviel versprochen hat von einem Buch und nun auf den vorsorglich eingekauften Exemplaren sitzenbleibt; sei es, daß er zu vorsichtig disponiert hat und dann die Wünsche seiner Kunden nicht befriedigen kann.

3. Der Buchhändler befindet sich schließlich nicht ganz in der Situation des Totospielers, der nur „tippen“ kann und dann zusehen muß, wie die Würfel (oder die Tore) fallen. Er spielt ja auch selber kräftig mit. Das heißt: Wenn der Buchhändler A den Roman X für einen Erfolg hält, dann wird er dafür zu sorgen wissen, daß wenigstens in seiner eigenen Buchhandlung auch ein Erfolg daraus wird.

Sehen wir uns nun die Titel der gemutmaßten Erfolgsbücher an (und zumindest bei den ersten fünf dürfen wir sicher sein, daß keines unter einer Zehntausender-Auflage läge bleiben wird, ja: ich bin ziemlich sicher, daß sie alle die 50 000 erreichen), so fällt doch einiges auf:

Drei der fünf Titel sind durch Vorabdrucke bekannt; wodurch die – freilich in Fachkreisen längst nicht mehr umstrittene, aber für Laien doch immer wieder erstaunliche – These bestätigt wird: daß es dem Erfolg eines Buches überhaupt nichts schadet, wenn ihm durch Vorabdrucke (oder Verfilmung oder Verwendung in Rundfunk und Fernsehen) der jungfräuliche Reiz des gänzlich Unenthüllten genommen worden ist. Der durchschnittliche Buchkunde ist nicht auf eigene Entdeckungen aus, sondern liebt, wie ein braver Ehemann, das bereits Bewährte.

Das Bewährte spielt im Buchgeschäft noch dadurch eine besondere Rolle, daß in Deutschland (mehr als in anderen Ländern) und vor Weihnachten (mehr als sonst) Bücher nicht in erster Linie zum Lesen gekauft werden – sondern zum Verschenken.

Wenn ich daran denke, kommen mir leichte Zweifel an unserer Liste der Großen Fünf: Keines dieser Bücher nämlich ist so recht dazu geschaffen, ganz harmlos unter irgendeinem Weihnachtsbaum zu liegen. Am ehesten vielleicht „Überall ist Babylon“ – eine geschickte Geschichte der Großstädte, bei der doch wenigstens nicht ins Auge springt, warum Babylon auch „die große Hure“ genannt wird (besprochen auf Seite 16).

Stärker als in diesem Sachbuch tritt ein kräftiger Schuß Erotik in den Werken der reinen – reinen? – Phantasie hervor. Hans Habes „Ilona“ (besprochen in der ZEIT Nr. 27/1960) hat schon wiederholt als bestverkauftes Buch des Monats auf unserem Seller-Teller gestanden. Wenn diese Dame wirklich auch das Weihnachtsgeschäft beherrschen sollte, dann passierte das gegen den Willen vieler Buchhändler.

Nicht ganz so eindeutig ein Unterhaltungsroman ist Alfred Anderseits „Die Rote“ – aber die literarische Avantgarde, die gerne Andersch zu den Ihren zählte, hat sich bereits enttäuscht abgewandt: Für sie ist das Buch auch durch den metaphysischen Impressionismus, der da zuweilen zwischen den Kapiteln einer handfesten Kombination von Politik und Erotik stattfindet, nicht zu retten. Was Andersch jedoch weit über seine Mitbewerber um den Preis der Großen. Fünf hinaushebt, ist die gar nicht zu leugnende Tatsache, daß hier Deutsch geschrieben wird, das klare, schöne Deutsch eines gereiften Meisters der Sprache.

Gespannt sind wir auf das Deutsch, in dem sich die Viktorianerin Lady Chatterley zum ersten Male ganz nackt (sowohl im übertragenen wie im wörtlichen Sinne) ihren Lesern hierzulande präsentieren wird. Der Verlag hat sich unendliche Mühe gegeben, für die naiv unschuldige und dadurch sehr direkte, freilich in diesem Roman auch bis an die Grenzen des Komischen an Prospekte für „Freikörperkultur“ erinnernde Sprache des D. H. Lawrence ein deutsches Äquivalent zu finden.

Und schließlich Alma Mahler-Werfel zum Thema: Wie ich Männer glücklich und verzweifelt gemacht habe. Diesem als Autobiographie und Zeitdokument verkleideten „Sittenroman“ werden also von unseren Buchhändlern die größten Aussichten eingeräumt, Spitzenreiter im Weihnachtsgeschäft zu sein. Sonderbar, daß wir’s so nötig haben – Aber es muß ja wohl so sein: der geistige (geistige?) Hauptnenner der Großen Fünf heißt Eros und Sexus. Es ist natürlich durchaus möglich, daß mein verderbtes Auge die genannten fünf Bücher ganz falsch sieht. In diesem schrecklichen Verdacht habe ich mich selber, nachdem einer der Buchhändler, denen der Literaturteil der ZEIT so viel zu verdanken hat, mich darauf hinwies, es handele sich bei der Autobiographie der Frau Alma um „ein Buch, welches wichtige Zusammenhänge zwischen Dichtung und Musik aufdeckt“. Ach so ...?

Schließlich erscheint es nicht nur fair, sondern auch wichtig, diejenigen Bücher zu verzeichnen, welche auf den hoffnungsvollsten Plätzen „ferner liefen“. Kurioserweise hört gleich nach den ersten fünf die erotische Fixation auf (gegen die wir übrigens gar nichts haben – nur finden wir sie in ihrer Einseitigkeit etwas erstaunlich und in ihrer soziologischen Bedeutung recht aufschlußreich).

Da wären nun noch 13 ( absit omen!) Titel zu nennen von Büchern, welchen nicht alle, aber doch viele der von uns gefragten Buchhändler Aussichten auf Bestseller-Erfolg in den nächsten drei Monaten einräumen. An erster Stelle (an sechster also nach den Großen Fünf) steht Friedells schon beinahe klassisch zu nennendes Meisterwerk der munteren Geschichtsschreibung: Kulturgeschichte der Neuzeit“ (besprochen in der ZEIT Nr.35/1960). Ebenfalls ein „Klassiker“ ist das „Dreigroschenbuch“, in dem der Suhrkamp Verlag Brechts Oper und Roman nebst diversen Parerga, illustriert noch durch eine Schallplatte, vereinigt. Als zweites Pferd hat Suhrkamp noch den dritten Band seiner Sammlung moderner Theaterstücke – „Spectaculum III“ (vgl. die ZEIT Nr. 38/196) – im Rennen.

Das neue Buch des Die-Bibel-hat-doch-recht-Keller heißt „Ost minus West – Null“, und viele Buchhändler glauben, dem Autor, der seine feine Nase für Themen, die „in der Luft liegen“, schon einmal bewiesen hat, sei auch ein zweiter Bestseller zuzutrauen.

„Lust der Augen“ nennt sich das jüngste Buch unseres Alt – Bundespräsidenten (im Tübinger Wunderlich-Verlag); und da sich dieses Buches ganz offensichtlich kein Weihnachtsbaum zu schämen brauchte, werden seine Chancen von zuständiger Buchhändler-Seite recht gut beurteilt.

Ehe wir zu Erzählungen und Romanen kommen, sind noch „Die Memoiren des Peterhans von Binningen“ zu nennen, geschrieben von Curt Goetz, veröffentlicht im Berliner Herbig-Verlag, zu haben um zwölf Mark und achtzig Pfennig.

Es bleiben sieben Romane und Erzählungen: Angus Wilson, der mit „Hemlock and after“ in die Spitzengruppe der englischen Romanciers aufrückte und dessen Roman „Meg Eliot“ nun auch in Deutschland den Durchbruch bringen soll. C. P. Snow, wieder ein englischer Romancier, und einer der gescheitesten dazu – unter dem Titel „Zeit der Hoffnung“ bringt die Stuttgarter Deutsche Verlags-Anstalt sein jüngstes Opus ins Rennen. Und noch einmal ein Engländer: Bruce Marshall, einer jener Autoren, die „eine Gemeinde“ haben und deren Romane daher nie ganz unbeachtet bleiben können – doch um wirklich ein großer Verkaufserfolg zu werden, müßte „Der rote Hut “ die Grenzen der Gemeinde überschreiten – was seinem deutschen Verleger Jakob Hegner, einem der solidesten, bescheidensten, zuverlässigsten deutschen Verlagshäuser überhaupt, sehr zu wünschen wäre.

Aus der angelsächsischen Welt kommt auch der neue Roman des Negers Richard Wright mit dem Titel „Der schwarze Traum“ (Claassen, Hamburg). Wir bewundern Wright, einen hierzulande noch längst nicht nach Gebühr geschätzten Autor, und sind gespannt...

Als Außenseiter im Rennen läuft „São Bernardo“, der Roman eines Südamerikaners, Brasilianers vermutlich. Nie gehört. Daß Buchhändler ihn als möglichen Bestseller nennen, spricht für vorbildliche Werbearbeit des Verlages (Hanser, München).

Es bleiben als letzte zwei Bücher deutscher Autoren – wobei die Reihenfolge, in der alle hier noch genannten Bücher den Großen Fünf folgen, nicht der Reihenfolge unserer Aufzählung entspricht. Nicht an 16., sondern an 8. Stelle läge da Martin Walser, dessen neuer Roman „Halbzeit“ allein auf Grund des mit „Ehen in Philippsburg“ gegebenen Versprechens – und weil er bei Suhrkamp herauskommt – vielen der große „Geheim-Tip“ für die nächsten drei Monate ist. Wir lassen uns überraschen.

Kein Geheimtip mehr, sondern eine seit „So zärtlich war Suleyken“ mit „Es waren Habichte in der Luft“ und „Jäger des Spotts“, vor allem aber auch mit „Brot und Spiele“ immer von neuem genährte Neigung sichert schließlich dem jüngsten Erzählungs-Band von Siegfried Lenz („Das Feuerschiff“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) seinen Platz auf der Liste der (achtzehn) Bücher, denen unsere Buchhändler die besten Chancen im Weihnachtsgeschäft einräumen. Ich selber bewundere Lenz seit vielen Jahren als einen der liebenswertesten und talentiertesten deutschen Erzähler. Der reine Egoismus dessen, der doch gerne es „schon immer gesagt“ haben möchte, läßt mich hoffen, daß ein altes Vorurteil, wonach „gesammelte Erzählungen“ schwer verkäuflich sein sollen, hier (wie ja immer wieder einmal) wirklich durchbrochen wird. Die Durchbrecher hätten nichts zu bereuen.

Doch sei es – hier wie überhaupt – fern von mir, den gestrengen Herren (und Damen) Rezensenten der ZEIT vorgreifen zu wollen. Unsere Leser werden alle die in den Prognosen für das Weihnachts-Buchgeschäft genannten Werke noch so rechtzeitig vor Weihnachten in der ZEIT besprochen finden, daß sie ihr eigenes Urteil entsprechend regulieren können – wenn sie wollen..