Das Ausland fordert dringend deutsche Kapitalexporte

Auf der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds (IWF) stand die Bundesrepublik im Mittelpunkt der Diskussionen. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich hielten mit ihrer Kritik gegenüber den deutschen Zahlungsbilanz-Überschüssen nicht zurück. Keinem einzigen der währungspolitischen Vertreter dieser Länder auf der Tagung in Washington schien die hierzulande beinahe sakrosankte These einzuleuchten, die Überschüsse seien eine vorübergehende Erscheinung, die auf außerordentliche Umstände zurückzuführen sei und bald verschwinden werde.

Statt dessen forderten Deutschlands Partner sehr entschieden – der amerikanische Finanzminister Anderson wählte sogar bereits mehr als entschiedene Worte – höhere deutsche Kapitalexporte. Ganz offensichtlich und ohne jeden Zweifel ist die Kritik und sind diese Forderungen ausschließlich auf die ins Auge springenden deutschen Währungsreserven zurückzuführen. Der Gold- und Devisenbestand konnte in den letzten Jahren auf eine Höhe klettern (er näherte sich rapid der 30-Milliarden-DM-Grenze), welche die Begehrlichkeit des Auslands zwangsläufig wecken mußte.

In dieser Hinsicht war in der Vergangenheit der Wechselkurs der D-Mark zweifellos "falsch", denn den umfangreichen Überschüssen entsprach keine ebenso große Bereitschaft, Kapital ins Ausland zu exportieren. Daß die Fähigkeit zum Kapitalexport nicht allein von der Höhe der Währungsreserven, sondern auch von der heimischen Kapitalbildung abhängt, trifft zwar zu, wird aber, wie der Verlauf der IWF-Tagung gezeigt hat, selbst von den Experten nicht in Rechnung gestellt und als Argument nicht anerkannt. Insofern ist vielleicht der Zeitpunkt einer Aufwertung tatsächlich schon verpaßt worden und kann die Bundesrepublik nun der moralischen Verpflichtung zu einer umfangreichen Entwicklungshilfe heute nicht mehr ausweichen. Falls es sich so verhält, wird die Regierung aus Gründen der Vorsicht nicht mehr am Wechselkurs rütteln können.

Die Beträge, um die es dabei geht, lassen sich am indischen Fünf jahresplan ablesen, über den gegenwärtig auf internationaler Ebene verhandelt wird. Der dritte indische Plan erfordert ab Mitte 1961 Devisenzuschüsse aus dem Ausland im Betrag von 5,5 Milliarden Dollar, d. h. rund 23 Mrd. DM. Von dieser riesigen Summe sind Indien bis jetzt rund 1 Mrd. Dollar zugesagt worden, und zwar je zur Hälfte von West und Ost. Weitere Beträge will der Westen anscheinend erst dann flüssig machen, wenn sich auch die Bundesrepublik in ganz beträchtlichem Ausmaß zu engagieren verpflichtet hat.

Die Erfahrungen mit Indien und die Verschuldung dieses Landes lassen mit ziemlicher Gewißheit den Schluß zu, daß die Darlehen, die für den dritten Fünfjahresplan gewährt werden, zu Bedingungen gegeben werden müssen, die praktisch denen einer Schenkung gleichkommen. Will die Bundesrepublik den privaten Kapitalexport in diesem Fall und in ähnlich gelagerten Fällen stimulieren, so müssen also die deutschen Zinssätze radikal gesenkt werden. Und selbst dann, wenn das gelingen sollte, wird man nicht um eine Unterstützung der privaten Entwicklungshilfe aus öffentlichen Mitteln herumkommen. Auch das dürfte jedoch noch nicht genügen: es werden vielmehr auch noch Anleihen der öffentlichen Hand gegeben werden müssen.

Eine Zinssenkung jedoch wäre bei der gegenwärtigen Konjunkturlage mit der akuten Gefahr einer Preissteigerung verbunden. Sofern die amerikanische Recession nicht bald auf Deutschland übergreifen sollte, wird man also auf "drastische Maßnahmen" der konjunkturellen Dämpfung, wie sie Bundeswirtschaftsminister Erhard angekündigt hat, nicht verzichten können. Es hilft nichts, wenn der Bundesverband der Deutschen Industrie dagegen protestiert; die Verhältnisse erlauben gegenwärtig kein anderes Handeln.