Noch einmal: Brettheimer Prozeß – Ein Plädoyer von Martin Beheim-Schwarzbach

Es ist nicht so, daß wir uns beruhigen und Gras darüber wachsen lassen dürfen, weil der Prozeß oder die Prozeßserie abgeschlossen scheint. Wir müssen vielmehr verhindern, daß über die Brettheimer Angelegenheit Gras wächst.

Mag sein, der Prozeß geht in die vierte, fünfte Berufung. Mag sein, das Verfahren wird zuletzt endgültig eingestellt. Dann gerade. Es darf nicht geschwiegen werden.

Der Formalismus der deutschen Justiz soll sich nicht einbilden, er decke sich mit echten Rechtsbegriffen. Der Unterschied zwischen Recht und Justiz, der manchmal zur himmelschreienden Dissonanz anschwillt, muß immer neu demonstriert werden. Auch wenn gerade kein aktueller Anlaß vorliegt, kein "Aufhänger", wie man in den Redaktionen sagt. Aufhänger, böses, doppeldeutiges Wort.

Die Aktualität, um die es sich hier handelt, ist überlebensgroß. Dreimal haben Geschworenengerichte die Brettheimer Angeklagten freigesprochen, Militärs und Pg.s, welche die drei Zivilisten, die in den letzten Kriegstagen einer Schar Hitlerjungen die Panzerfäuste weggenommen hatten, zum Tode unter ausdrücklicher Hinzufügung einer Folter verurteilt haben. Diese hatte der General Simon sich ausgedacht: Die Verurteilten wurden, statt mit Stricken, mit Drähten aufgehängt.

Der pikante Nebenumstand

Das Ungeheuerliche an diesen Freisprüchen ist noch nicht einmal, daß die Hinrichtung jener Männer, die das idiotische Blutvergießen satt hatten, noch im Jahre 1960 zugebilligt werden konnte. Das Aufgebot an Entlastungszeugen aus der Generalität, die dem Kameraden Simon den tapferen und anständigen Soldaten und Truppenführer bescheinigten, war den Brettheimer Bauern, die der Anklage als Zeugen dienten, sozial gar so weit überlegen.