Die internationale Konjunkturlage wird gegenwärtig durch eine höchst merkwürdige Druckverteilung charakterisiert. Während hierzulande noch kräftig "gedämpft" und sogar "Bremsen gezogen" werden, denkt man jenseits des Atlantik^schon wieder intensiv an das "Ankurbeln". Hier die Suche nach fehlenden Arbeitskräften – dort steigende Arbeitslosigkeit (nach neuesten Angaben 5,9 vH in den USA, und 4,7 vH in Kanada).

Früher pflegte man zu sagen: "Wenn Amerika niest, bekommt Europa eine Lungenentzündung." Das gilt schon längst nicht mehr. Obwohl Onkel Sam schon seit Monaten niest und hustet, und obwohl alle Anzeichen einer chronischen Erkältung vorliegen, erfreut sich ganz Europa nach wie vor bester Gesundheit.

Nur das Nachbarland Kanada haben die USA mit ihrem "Schnupfen" angesteckt, was kein Wunder ist. Denn das kanadische Wirtschaftsleben ist in ungewöhnlich hohem Maße von den Vereinigten Staaten abhängig, und die kanadische Industrie wird im Durchschnitt bis zu 50 vH von amerikanischem Kapital beherrscht.

In der amerikanischen Presse wird das Publikum eindringlich davor gewarnt, das Land in eine Rezession "hineinzureden". Von bitterer Erfahrung gewitzigt, fürchtet man, daß schon die öffentliche Diskussion über die sich häufenden Anzeichen einer neuen Rezession dazu führen könnte, das Land in eine Krise zu stürzen. Man zieht es vor, den Kopf in den Sand zu stecken.

Aber Tatsachen sind Tatsachen. Hier eine kleine Auswahl:

Die amerikanische Stahlindustrie arbeitet z. Zt. nur zu 50–55 vH ihrer Kapazität. Man könnte 135 Mill. t Stahl jährlich produzieren, und Anfang des Jahres, nach der Beilegung des großen Stahlstreiks, hieß es auch zuversichtlich, daß man 1960 soviel Stahl erzeugen würde. Jetzt lautet die Schätzung auf 105–110 Mill. t – bestenfalls.

Chrysler, einer der drei "Großen" der amerikanischen Automobilindustrie, hat bekanntgegeben, daß am 5. Oktober 5000 Mann der gegenwärtigen Belegschaft von 105 000 entlassen werden müßten, da die Bestände des Handels an Chrysler-Fahrzeugen zu umfangreich geworden seien (vor einem Jahr beschäftigte die Firma 111 000 Personen).