Radikale links wie rechts und "Entpolitisierte" in der Mitte

Von Josef Müller-Marein

Es gibt auch in Frankreich die "Intellektuellen der heimatlosen Linken"; es gibt ihrer dort mehr als anderwärts. Da ist Jean-Paul Sartre der existentialistische Philosoph und Dramatiker, der den Richtern im Jeanson-Prozeß aus sicherer Entfernung schriftlich erklärte: "Die Linke ist ohnmächtig und wird es bleiben, solange sie ihre Kräfte nicht mit der einzigen Kraft vereinigt, die heute gegen den gemeinsamen Feind der algerischen und der französischen Freiheit kämpft. Diese Kraft ist der FLN... Zu dieser Überzeugung ist Francis Jeanson gekommen, zu dieser Überzeugung kam auch ich ... Die Franzosen, die den FLN unterstützen, arbeiten für sich selber, für ihre Freiheit und ihre Zukunft... Es ist das Erwachen der französischen Intelligenz..."

Jeanson, heute Emigrant, vormals Professor der Pariser Sorbonne hat – ebenfalls aus einiger Entfernung, nämlich aus Tunis – erklärt: "Das Tribunal, vor dem meine Freunde erscheinen mußten, war die beste Tribune, die uns je geboten wurde." Er sprach von einer "neuen Résistance". Er sagte, daß die "algerische Sache eine gerechte Sache" sei und daß "Frankreich sich durch den algerischen Krieg entehrt". Er betonte, daß die Linke – ob kommunistisch oder nicht – sich in diesem Urteil einig sei. Und auch hier, wie bei Sartre, der innenpolitische Aspekt: "Ich habe den Kampf mit allen Mitteln gewählt", sagte Jeanson, "um die Linke an ihre elementarsten Pflichten zu erin-

Militärgerichte gegen Professoren

Nun, die (Militär-)Richter im Jeanson-Prozeß haben nach fast vierwöchiger Verhandlung, die an dramatischen Episoden nicht arm war und schon deshalb die Aufmerksamkeit in Frankreich wachhielt, harte Sprüche gefällt: Von 26 Angeklagten, die beschuldigt waren, die algerische Aufstandsbewegung (FLN) sowohl materiell als auch dadurch unterstützt zu haben, daß sie die französischen Soldaten zur Desertation aufforderten, erhielten 16 Männer und Frauen Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren, während Jeanson in Abwesenheit zu 70 000 Francs Geldstrafe, Verlust der Bürgerrechte und fünfzehnjährigem Aufenthaltsverbot in Frankreich verurteilt wurde.

Der größte Teil des Volkes scheint mit diesem Urteil vollauf zufrieden. Zwar sind die meisten Bürger Frankreichs des algerischen Blutvergießens müde, zwar möchten sie die in Algerien gebundene Armee – mehr als eine Million Soldaten, die größte und modernste Streitmacht, die es in Europa gibt – endlich heimkehren sehen, und sei es in einem Rückzug voller Resignation, da ein militärischer Triumph immer weniger erhofft werden kann. Aber die Tatsache, daß die französischen Links-Intellektuellen die algerischen Rebellen gegen eben diese Armee unterstützen, in der Frankreichs Söhne kämpfen, das wird denn doch ein gehöriges Stück Schuftigkeit genannt. Man hört in Frankreich häufig folgende Argumentation: Indem Jeanson und seine Freunde den Sieg der algerischen Freiheitsbewegung wollen, streiten sie für die Loslösung Algeriens vom Mutterlande. Sie sehen also jenes "überseeische Frankreich" bereits heute als Ausland an; sie treiben folglich Landesverrat. Führen sie aber diesen Kampf im "Aus-Und", um im Inneren Frankreichs siegen zu sollen, desto schlimmer! Bei solcher Überlegung angelangt, ist die Mehrzahl der Bürger Frankreichs bereit, dem alten François Mauriac zu glauben, der so lange Zeit optimistisch war, aber jetzt den Teufel an die Wand malt. Er warnt: "Zusammenbruch des Staates ist das schlimmste, was einem Volke passieren kann!" und beschwört seine Landsleute, nicht von de Gaulle zu lassen, dem einzigen Manne, der berufen sei, den drohenden Kampf zwischen den Radikalen von rechts und links noch zu verhüten: den Bürgerkrieg,