stuck-, Niederbachem

Das Drachen jeher Ländchen liegt gegenüber dem Siebengebirge. Die Obstbaumhaine, die Felder der Kleinbauern und die hohen Schornsteine einiger Rübenfabriken prägen die Rheinlandschaft. Auf dem westlichen Ausläufer des Rodderberges – einem erloschenen Vulkan – steht nun seit fast einem Jahr das, was die einen als „einen Fremdkörper in unserem schönen Landschaftsbild“, die anderen stolz als „unseren Europa-Hof“ bezeichnen: ein kubischer, unverputzter Bau aus Stahlträgern und Leichtbetonplatten, ein Turm und – quer – eine Art Lagerhaus.

Was wie eine kleine Fabrik aussieht, ist der neue Hof des Bauern Urban Werscheidt aus dem Dorf Niederbachem. Hier wurde die Landwirtschaft so rationalisiert und mechanisiert, daß der Bauer ohne Hilfskräfte seinen 13-Hektar-Betrieb allein bewirtschaften kann. „Ganz bequem sogar“, sagt Werscheidt dazu, und ironisch fügt er hinzu: „Wenn ich erst mal Wasser habe...“ Das muß der Bauer vorerst zweimal täglich zwei Kilometer weit holen.

Aber die Wassernot und auch einige andere Pannen haben den Optimismus des Bauern nicht erschüttern können. Nach wie vor bleibt er bei dem, was er vor fast einem Jahr – kurz bevor der Hof fertig wurde – sagte: „Das wird eine ausgezeichnete Sache, das wird der Bauernhof der Zukunft...“ Wir standen damals im Hof des alten Hauses an der Hauptstraße von Niederbachem. Die geschnitzten Schnörkel der Jahreszahl „1792“ am oberen Balken der Toreinfahrt waren verwaschen und kaum noch zu erkennen. Der Hof war eng und voll von Maschinen und Geräten. 4,96 Hektar hatte der Bauer zu bewirtschaften – 4,96 Hektar verteilt auf 23 Äckerchen und Wiesen. Er mußte sie mit seiner Frau allein bewirtschaften. Ein Landarbeiter war für den kleinen Betrieb nicht tragbar. Der zwölfjährige Sohn war zu jung, der achtzigjährige Vater zu alt zur Mitarbeit. Der Hof konnte – wie die meisten Höfe in dieser Gegend – nicht leben und nicht sterben. Mit drei umwälzenden Neuerungen will der Bauer seinen Hof rentabel machen: Flurbereinigung, Aussiedlung und Mechanisierung.

Alle drei Ideen sind nicht auf dem Mist des Urban Werscheidt gewachsen. Durch Flurbereinigung versucht man schon seit Jahrzehnten, die Arbeit der Landwirtschaft sinnvoller zu gestalten. „Die hiesige Landwirtschaft ist das größte Fuhrunternehmen Deutschlands“, schrieb ein Experte. Durch die Sitte der Erbteilung war das Land in unzählige Parzellen – manche nicht größer als ein Schrebergarten – zerstückelt. Die Hälfte der Arbeitszeit brauchten manche Bauern für die An- und Abfahrt.

Im März 1957 erschienen die Vermessungstechniker und Ingenieure des „Amtes für Flurbereinigung und Siedlung“ im „Drachenfelser Ländchen“ und walteten ihres Amtes nach dem Gesetz für Flurbereinigung vom 23. Juni 1949: „Das Flurbereinigungsgebiet ist neu zu gestalten, wie es im Interesse aller Beteiligten liegt und wie es das allgemeine Wohl erfordert, und zersplitterter Grundbesitz zusammenzulegen; Wege, Gräben, Windschutz-, Vorflut-, Entwässerungs- und Bewässerungsanlagen sind neu zu schaffen, Bodenverbesserungen vorzunehmen und alle Maßnahmen, wie Auflockerung der Ortslage, zu treffen

In Niederbachem fand man vor: 1090 Einwohner, 17 Betriebe mit Landwirtschaft, 12 mit Obstbau; bei der letzten Viehzählung wurden 158 Kühe, 134 Schweine und 16 Pferde gezählt; die Gemarkung umfaßte 485 Hektar; davon waren 146 Hektar Wald, 175 Hektar Ackerland, 30 Hektar Wiese, 124 Hektar Obstanlagen und 10 Hektar Hofraum. Zwei Bauern aus Niederbachem hatten über 50 Hektar Land, zwölf zwischen 5 und 50, 37 Bauern bewirtschafteten 2 bis 5 Hektar, 40 Bauern besaßen einen halben bis einen Hektar und 279 hatten bis zu einem Viertel Hektar Land. Die Besitzstücke lagen, in 1664 Parzellen zerteilt, über die ganze Gemarkung verstreut. Heute – nach der Flurbereinigung – gibt es in Niederbachem nur noch 552 Parzellen. Bauer Werscheidt hat statt seiner 23 Stücke nur noch eines, und das ist rund 13 Hektar groß. Zu den rund 5 Hektar, die sein alter Besitz umfaßte, hat er rund 8 Hektar hinzugekauft. Außerdem hat er den alten Hof – Baujahr 1792 – aufgegeben. Der neue Hof liegt zwei Kilometer außerhalb des Ortes – direkt bei den Feldern. „Aussiedlung“ nennt man das.