Wie ein ein böser Vulkan spie Chruschtschow Gift und Galle – Uneinig-Vereinte Nationen, wohin?

Von Thilo Koch

New York, im Oktober

Man schläft sowieso schlecht in New York, diese Stadt ist nie still. Aber nun pfeifen und heulen schon die dritte Woche die Sirenen der Polizeifahrzeuge durch die Straßenschluchten – immer wenn ein Delegationschef vom UNO-Hauptquartier zu seinem Hotel, zu seiner Mission, zu den zahllosen "Luncheons" und "Dinners" geleitet wird. Es hört sich an wie ein kleiner Fliegeralarm. In normalen Zeiten wußte man: Verkehrsunfall oder Hebamme – jetzt ahnt man: es handelt sich um die Geburtswehen oder die Verkehrsunfälle der Weltpolitik. Und so schläft man noch schlechter in New York, in diesen Wochen.

Der Sonnabend sah nach gar nichts aus. Schönes Weekend-Wetter, eine schwach besetzte Vollversammlung, von den zweitausend Journalisten vielleicht drei Dutzend auf der Pressetribüne, darunter drei Deutsche. James Wadsworth, der amerikanische Delegationschef, begründete ausführlich, warum Rot-China nicht in die Vereinten Nationen aufgenommen werden könne. Er tat das mit dem Feuer eines unausgeschlafenen Pflichtverteidigers und mit der Lebendigkeit eines deutschen Nachtprogramm-Professors. Man mußte schon beide Ohren offenhalten, wenn man mitkriegen wollte, daß da schwerwiegende Anklagen gegen den volksreichsten Staat der Erde, gegen sein kommunistisches Regime, erhoben wurden.

Plädoyer für Peking

Jeder aufmerksame Zeitgenosse kennt die Tatsachen: die chinesischen Kommunisten bejahen auch im Atomzeitalter lenintreu den Krieg, überhaupt die Gewalt im Klassenkampf und im Kampf gegen den (westlichen) Imperialismus. In der Tat hat einer ihrer Führer öffentlich erklärt, ein echter Kommunist dürfe sich auch vor einem Wasserstoffbombenkrieg nicht fürchten; was China angehe, so blieben, selbst wenn die Hälfte des Volkes vernichtet werde, immer noch dreihundert Millionen Chinesen übrig, die dann die kommunistische Weltrevolution weiterführen könnten, um eine glückliche Zukunft der Menschheit zu begründen.