Wer wird die Schuld am Untergang unserer Welt tragen? Wer ist der Prototyp des modernen Sünders, wer die Schlüsselfigur der Unordnung unserer Zeit, der Erfinder aller Häresien? In dem Buch von

Richard Seewald: "Der Mann, der ein Snob war"; Jakob Hegner Verlag, Köln; 280 S., 15,80 DM

ist es – der Snob. Aus dem ästhetischen und sozialen Begriff hat Seewald einen moralischen, ja theologischen Begriff gemacht. Der Snob ist nach Thackeray’s berühmter Definition in seinem "Snobsbuch" jemand, der Niedriges auf niedrige Art bewundert. Bei Seewald ist er nichts anderes als eine skurril dämonische Gestalt zwischen ironischer Überheblichkeit und einsamem Machthunger.

Seewalds hinkender Snob trägt den Namen Michael, den gleichen Namen, den der hinkende Propagandaminister des Nazireichs dem Helden seines Studentenromans gegeben hat: bewußte und unbewußte Per version des Erzengel namens. Der Snob Michael ist katholischer Schweizer, Sohn eines Dienerehepaars, und wächst in Ostelbien auf der untersten Stufe der starren gesellschaftlichen Hierarchie auf, in Haß und Neid auf die an der Spitze der Pyramide Lebenden. Der Domestikenklatsch der Eltern macht ihm den Snobismus der "Herrschaften" so früh klar, daß er gar keine Illusionen zu verlieren hat – an ihrer Stelle hatte sich sofort eine verächtliche, böse Menschenverachtung gebildet.

Michaels Erfolgsbahn beginnt nach dem ersten Weltkrieg, als der Zusammenbruch der monarchischen Ordnung ein Vakuum entstehen ließ. Als Kulturpapst, als gottverleugnender Theologe genießt er die zwiespältige. Allmacht über die anderen Snobs, genießt sie wieder nach dem Zweiten Weltkrieg, um dann endlich sich selbst und jenseits seines Ich die höhere Macht zu erkennen. Er zieht sich, wie so viel? Romanhelden seit Simplicius, auf eine Insel zurück. Sein Ende versinkt scheinbar im Idyll der Meditation, doch Seewald entläßt seinen Snob nicht ohne Strafe: im utopischen Epilog spricht ein Kulturbeamter der Volksdemokratie Eurasien ein postumes Urteil über diesen und alle Snobs: "... auf gewisse Weise verdankt ihnen unsere Kultur viel... dadurch, daß sie alle Ordnung zerstörten, führten sie jenes Chaos herbei, aus dem ‚Unser Vater" (eine Figur wie Orwells Großer Bruder) unsere Welt der neuen Ordnung geschaffen hat..."

Seewalds Roman folgt voller pädagogischer Emphase Thackeray’s Schlußdefinition des Snobs: "Du, der du deinen Nächsten vergißt, bist ein Snob; du, der du deine alten Freunde verachtest, um Personen, die einen höheren Rang bekleiden, nachzulaufen, bist ein Snob; du, der du dich deiner Armut schämst und über deinen Beruf errötest, bist ein Snob, ebensogut wie du, der du mit deinem Stammbaum prahlst oder auf deinen Reichtum stolz bist. Über solche zu lachen, ist das Geschäft von Mr. Punch. Möge er... nie vergessen, daß, wenn Scherz zwar gut, Wahrheit aber noch besser und Liebe das Allerbeste ist."

Doch trotz Drohung und Warnung, trotz indirektem Aufruf zu Tat und Wandlung bleibt die Geschichte vom Sünder der Moderne aus zwei Gründen ohne wirkliche Spannung und ohne Leidenschaft: Seewald glaubt ebensowenig an den Untergang, wie es die Verfasser der Jesuitendramen taten, denn die Welt ruht ja in Gott, und seine Gnade entläßt auch den Sünder und den Heiden nicht, die Auferstehung nach dem Weltgericht ist kein Untergang. So wird die Fabel vom Sünder ein Preislied auf das, was er fast sein Leben lang leugnete.