Die diesjährige Biennale in Venedig ist geprägt vom Überhandnehmen der Großformate, dem Hang zum Monumentalen, zum Gigantischen. Die größten Bilder, die ich sowohl im Ostblock wie im Westblock der 33 ausstellenden Länder dieser XXX. Kunstbiennale sah, hatten Riesenformate, die in sechs bis acht Metern Länge die großen Wände der Ausstellungssäle füllten: "Peinture informelle" in den Pavillons der westlichen Welt und sozialistisch-realistische "Schinken" in der Art von Farbphotos, wie das gelbe Bild der fröhlich blickenden Schnitterinnen im sowjetischen Haus. Die Bildhauer sind zwar in der Minderzahl, wenn man die vielen Materialbilder, die Collagen und Halbreliefs aus Sacktuch- und Stoffresten, aus Holz-, Kunststoff- und Eisenabfällen in der Art des italienischen Malers Alberto Burri nicht dazuzählen will, aber die Bildhauer liefern auf dieser Ausstellung die bedeutendsten Beiträge. Auch sie schüchtern die Besucher mit der gigantischen Wucht ihrer Werke ein. Roboter in Übergrößen, riesige militante Insektengebilde, deren Beine aus Gewehrläufen bestehen, ragen bis unter die Decken der Säle. Fast alle sind abstrakte Eisenplastiken; auch die Bildhauer schaffen zerklüftete, bröcklige, splittrige Klumpenmassive, benutzen uhrgehäuseartigen maschinellen Unrat, suchen Ordnung und Planung im Verfall. Aber nach all den bewältigten und unbewältigten Formproblemen, nach den Aufbrüchen ins Surrealistische und "Weltallgesetzliche", die viel von der Hysterie des Jahrhunderts offenbaren, fühlt der Betrachter wohltuend, daß die besten unter den Bildhauern die wichtige Frage nach dem Menschen und seiner möglichen Haltung immer wieder neu stellen. – Bemerkenswert schien mir in Venedig aber auch, daß ein Maler mit den bescheidensten, ja, zuweilen winzigen Formaten eines Schreibpapierbogens auch bei Ausländern große Aufmerksamkeit fand: Der 67jährige Deutsche Julius Bissier, seit einer Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover viel genannt. Die Biennale schließt am 16. Oktober. EM