Niedersachsen

-b-, Göttingen

Zwanzig Minuten vor Beginn der Verhandlung mußte der Saal geschlossen werden, so stark war der Andrang der Studenten. Manche von ihnen schienen geradewegs den Kellern von Saint-German-des-Pres entstiegen zu sein: Cäsarenschnitt oder Bubikopf, enge Nietenhosen und Slacks, weite grobgestrickte Pullover und Lederjacken. Eine emanzipierte Jugend, in den Augen Sympathien für die Angeklagten, um die Lippen den melancholischen Zug des Unverstandenseins. Ein paar distinguiert aussehende Herren zwischen ihnen entpuppten sich als Professoren. Der Historiker Percy E. Schramm war darunter, von dem es hieß, er habe, als er von der Eröffnung dieses Verfahrens hörte, seinen Lehrstuhl zur Verfügung stellen wollen.

Angeklagt waren Konrad Öhlschlegel, cand phys. und ehemaliger Chefredakteur der Göttinger Studentenzeitschrift "prisma", Sibylle Penkert, cand. phil. und Feuilletonredakteurin, sowie Reinhard Döhl, cand phil. und Autor des Gedichtes "Missa profana", das in der Juni-Ausgabe 1959 im "prisma" erschienen war. Dieses Gedicht spielte im Prozeß die Rolle des corpus delicti.

Zwei Studenten der Technischen Hochschule Hannover, Peter Vangindern und Franz-Peter Görres, und das Hildesheimer Generalvikariat hatten Strafantrag gestellt. Durch dieses Gedicht werde die Katholische Kirche, insbesondere die Messe beschimpft; die Verantwortlichen hätten sich im Sinne des Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches (Gotteslästerungsparagraph) schuldig gemacht.

Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Göttingen hielt die objektiven Tatbestandsmerkmale des Paragraphen 166 durch Döhls Gedicht für erwiesen. Döhl habe – so führte Landgerichtsrat Kleefeld in der Urteilsbegründung aus – wissentlich die Möglichkeit, daß sich katholische Leser bei der Lektüre seines Textes beschimpft fühlen könnten, in Kauf genommen. Der Autor wurde zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt, "an Stelle der zehn Tage Gefängnis, die er eigentlich verwirkt hätte", die beiden anderen aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Sofort nach der Verkündung des Urteils teilte der Verteidiger der drei Studenten, Rechtsanwalt Helmut Beyer, mit, er werde gegen das Urteil Revision einlegen. Auch der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Wolters, erklärte, er werde "vorsorglich" Berufung gegen die Freisprüche einlegen. Er fügte hinzu, es gehe der Anklage nicht darum, die Studenten "zur Strecke" zu bringen, vielmehr wolle sie ein grundsätzliches Urteil erzwingen. Die nächste Instanz ist der Bundesgerichtshof.