Von Karl L. Herzceg

Die Bundesrepublik leistet bereits heute eine ansehnliche Unterstützung für die Entwicklungsländer, aus der Technischen Hilfe des Auswärtigen Amtes (1959: 85 Mill. DM), durch Kredite des Bundes (517 Mill. DM), für die Umschuldung verbürgter Ausfuhrkredite sowie für Bürgschaften und Garantien (122 Mill. DM). Hinzu kommen aus öffentlichen Mitteln die Beiträge für den überseeischen Entwicklungsfonds der EWG (105 Mill. DM), für die Technische Hilfe der UNO (7 Mill. DM), neue Subskriptionszahlungen und sonstige an die Weltbank zur Verfügung gestellte Mittel (524 Mill. DM), DM-Ziehungen beim Internationalen Währungsfonds durch unterentwickelte Länder (29 Mill. DM), ferner aus der Privatwirtschaft Investitionen (250 Mill. DM) sowie Exportkredite mit einer Laufzeit von mehr als zwei Jahren, Finanz- und Umschuldungskredite (rd. 1,3 Mrd. DM). Einschließlich kleinerer Posten und abzüglich der Tilgungen ergibt das für 1959 Gesamtleistungen an Entwicklungsländer von 2,95 Mrd. DM. Dieser Betrag läßt sich nicht genau mit der Entwicklungshilfe anderer Staaten vergleichen, weil sich Vergleiche auf der Grundlage einheitlicher Definitionen noch im Ermittlungsstadium befinden.

Wo liegen die künftigen Ansatzpunkte des deutschen Beitrags?

1. Jede Mark, die für die Besserung der katastrophalen Zustände in Verwaltung, im Erziehungs- und Ausbildungswesen dieser Länder eingesetzt wird, löst auf die Dauer eine mehrfache Multiplikator-Wirkung im Bereich der Produktion aus. Dieser Sachverhalt ruft in erster Linie nach Ausbildungsstätten, Muster-Lehrwerkstätten, Musterfarmen samt Einrichtung und Ausbildungsteams, die für eine Übergangszeit benötigt werden. Das Werkstatt-Zentrum in Okhla bei Delhi ist ein Beispiel für die Vorteile, welche auch die deutsche Wirtschaft mit solcher Hilfe erzielen kann; durch die Verflechtung mit den teilnehmenden indischen Firmen fallen ihr Dutzende von Lizenzverträgen zu.

Eine Möglichkeit ist bei den vielfältigen Projekten der Technischen Hilfe des Auswärtigen Amtes bisher, unberücksichtigt geblieben: Verwaltungsakademien! Auf diesem Gebiet besteht ein besonders dringender Bedarf. Ihre Errichtung an Ort und Stelle, aber auch entsprechende Einrichtungen in der Bundesrepublik selbst würden auch der deutschen Verwaltung neue erfahrene Kräfte für die umfangreichen internationalen Aufgaben zuführen. Ganz allgemein liegt für die Förderung engerer Kontakte zwischen deutschen Universitäten oder Forschungsinstituten und den Entwicklungsländern ein weites Betätigungsfeld vor.

2. Die Technische Hilfe des Auswärtigen Amtes konzentrierte sich bisher besonders auf die volkswirtschaftlichen Vorplanungen für Infrastruktur-Investitionen. Sie sind wichtig, weil sie Vorerhebungen für die wirtschaftliche Entwicklung darstellen. Auch bringen sie der deutschen Wirtschaft meist Großaufträge ein. Sie sollten aber ergänzt werden durch eine Gesamt-Diagnose am jeweiligen Einsatzort. Eine nur technisch-wirtschaftliche Planung, die gesamtwirtschaftliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge übersieht, ist mit der Gefahr großer Verluste verbunden – weil gerade das lecke Faß unbegrenzte Mittel aufzunehmen wünscht.

Die Dollar-Milliarden, die in der Türkei, in Korea, und die Hunderte von Millionen, die in Laos verpulvert worden sind, sollten als Mahnung verstanden werden, Investitionen ä-fonds-perdu einzustellen, wenn nicht die Gewißheit besteht, daß staatliche Reformen durchgeführt werden. Dazu braucht man neben Spezialisten und Technikern andere Kräfte, die ein Einzelprojekt oder -programm im Rahmen eines Gesamtkonzepts zu sehen vermögen. Gerade diese Aufgabe stellt vermutlich die größten Anforderungen an die diplomatische Geschicklichkeit, weil in den unterentwickelten Ländern nur allzu oft ein Beharrungsvermögen und der Wille herrschen, gerade das nicht anzupacken, was seit tausend Jahren jeglichen Aufschwung verhindert hat. Unterstreicht man deutlich die Entschlossenheit, einen reformunwilligen Bankrott-Staat auf die Dauer nicht zu subventionieren, so wird man sich dort eher zu Änderungen entschließen.