Professor Jaspers hält die Wiedervereinigung in Freiheit nicht für erreichbar. Er meint, Freiheit ohne Wiedervereinigung habe die größere Chance, um den Menschen in Mitteldeutschland – Jaspers nennt es bereits Ostdeutschland – das kommunistische Joch abzunehmen. Deshalb solle man unter Verzicht auf den deutschen Osten für Mitteldeutschland einen eigenen Staat mit einem Status nach österreichischem. Muster anstreben: nach innen Freiheit, nach außen Neutralisierung und gegenüber der Bundesrepublik Anschlußverbot.

Solche Freiheit wäre eine amputierte Freiheit. Eines der wichtigsten Rechte der Selbstbestimmung, die Entscheidung über die staatliche Zugehörigkeit zum eigenen Volk, wäre den Mitteldeutschen genommen. Aber ist es überhaupt vernünftig anzunehmen, daß die Sowjetunion für Mitteldeutschland einer Freiheit ohne Wiedervereinigung leichter zustimmt als einer Wiedervereinigung in Freiheit? Jaspers glaubt das und irrt damit entscheidend.

Weder das eine noch das andere wird kommen ohne eine entsprechende Bereitschaft der Sowjetunion, ihre Deutschlandpolitik wesentlich zu ändern. Diejenigen, die sich für Jaspers aussprechen, weil sie die Wiedervereinigung als in absehbarer Zukunft nicht erreichbar abtun, sollten sich vor Augen – halten, daß Jaspers nicht anders als die "Gesamtdeutschen" seine Überlegungen auf der Möglichkeit gründet, daß "Rußland in einer neuen Weltlage seinen Willen einmal ändern wird. Die Vergegenwärtigungen der Hoffnungslosigkeit sind nicht das letzte Wort".

Auf eine Änderung der sowjetischen Haltung ebenso zäh wie vielseitig und entschlossen hinzuwirken, ist eine entscheidende Aufgabe deutscher Politik. Wenn sich eine solche Änderung aber einmal anbahnt, dann wird sich die sowjetische Führung keiner Täuschung darüber hingeben, daß Gewährung der inneren Freiheit – trotz aller denkbaren Verbote – identisch ist mit der Auslösung eines tätigen Willens zu gesamtdeutscher Einheit. Dieser Wille wird auf beiden Seiten der Trennungslinie nicht zu unterdrücken sein. Das deutsche Verlangen nach Einheit in einem Staat ist zu elementar und als Ideal auch zu tief in der deutschen Geschichte begründet, als daß der gesamtdeutsche Wille unter Bedingungen der Freiheit unwirksam gemacht werden könnte. Die Sowjetführung ist intelligent genug, sich darüber keiner Illusion hinzugeben. Sie wird wissen, daß sie mit der Gewährung innerer Freiheit unter Verbot der Wiedervereinigung das Entscheidende nicht gewinnen würde. Sie würde nämlich nicht zur Ruhe in der Mitte Europas durch echte Befriedung der Deutschen kommen. Dies allein aber könnte der zureichende Grund für eine so wesentliche Änderung, wie die freiwillige Liquidierung des kommunistischen Zonenregimes, sein. Es ist deshalb realistischer, die Lösung der mitteleuropäischen Misere in der Verbindung deutscher Wiedervereinigung mit einem auch das sowjetische Interesse beachtenden europäischen Sicherheitssystem zu suchen.

Jaspers spricht davon, daß das, Schicksal von unseren Landsleuten in der Sowjetzone "eine ungeheure Geduld fordert". Was wir aber von ihnen erwarten, nämlich nicht zu verzagen, das müssen wir auch von uns verlangen. J. B. Gradl