Von Edgar Salin

Das Fazit unserer Betrachtung über die "Unterwühlung des Eigentums" scheint mir eindeutig. Im 19. Jahrhundert verlieh das "heilige" Eigentum einige wirkliche Macht und darum konnte auch das Schlagwort von der "Expropriation der Expropriateure" zu einer zündenden Parole, zu einem einigenden Kampfruf der Arbeiterklasse werden. Genauso wie das Aktienrecht, genauso erben sich Schlagworte fort, auch wenn gar keine Realität mehr ihnen entspricht. Und dies ist allerdings die merkwürdige Situation: die unbewußte und unaufhaltsame Aushöhlung des Eigentumsgefühls hat die "Expropriateure" bereits expropriiert, – nur wissen sie es noch nicht.

Die Formulierung, die ich wähle, ist absichtlich zugespitzt. Wir befinden uns in einem Übergangsstadium, in das noch außerordentlich starke Reste der Vergangenheit hineinragen. Und überdies gilt das Gesagte nur für das Industrie-, nicht für das Handelskapital. Aber dies scheint mir doch heute schon allgemein zuzutreffen: Das "Eigentum an den Produktionsmitteln", um das der Kampf des marxistischen Sozialismus entbrannte, gehört nur noch formell, nur noch juristisch den Aktienbesitzern. De facto sind ihre Rechte so weit beschnitten und sind die Großunternehmen so sehr objektiviert, daß man heute schon das Produktionseigentum als Gemeineigentum bezeichnen könnte, belastet durch verbriefte Ansprüche der nominellen Eigentümer, der Aktionäre.

Wenn diese Tatsache verstanden und daraus die Konsequenzen gezogen würden, dann ließe sich meines Erachtens sehr viel besser als jetzt dem Osten widerstehen. Denn dann und nur dann würde eindeutig klar, daß der Gegensatz schon längst nicht mehr in der Frage der Eigentumsverfassung liegt, sondern nur im zentralen Raum der menschlichen Freiheit.

Das führt uns zum letzten Punkt unserer Betrachtung, zur Frage nach der Stellung des Menschen in der konzentrierten Wirtschaft. Wir knüpfen unmittelbar an das Bisherige an, wenn wir mit der Frage beginnen: wem gehört eigentlich bei Krupp oder bei Salzgitter oder bei der Badischen Anilin die einzelne Maschine? Wieder kann uns die rechtliche Antwort nicht genügen; denn wir wollen wissen: wer empfindet die Maschine als die seine? Sicher nicht der Aktionär, der gelegentlich zu einem Rundgang geladen ist. Vielleicht äußert sich der Generaldirektor über "seine" Maschine, womit der gesamte Maschinenpark "seines" Unternehmens gemeint ist.

Aber "meine" Maschine, – so empfindet und das sagt nur der Arbeiter, der täglich an ihr steht, sie in Betrieb setzt, sie beobachtet, reguliert. "Meine" Maschine, – das sagt nicht, daß die Maschine sein Eigentum ist, sondern daß sie zu ihm und er zu ihr gehört. Darin drückt sich nicht ein Rechtsverhältnis aus, sondern etwas viel Tieferes, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, oft eine Art von Heimatgefühl.

Aus solchen Gefühlen heraus haben die Arbeiter in der Zeit der Demontage "ihre" Maschinen vor Abtransport und Zerstörung zu sichern gesucht und sind Ausgebombte und Vertriebene zu "ihren" Maschinen zurückgekehrt. In einer Zeit der allgemeinen Nomadisierung und trotz des um sich greifenden Materialismus, der Stellen- und Ortswechsel in früher unbekanntem Ausmaß zur Folge hat, scheinen sich also Zellen zu halten urd neu zu bilden, in denen gerade der Arbeiter einer echten, seelischen Bindung gewahr wird. Was alle Pflege der human relations nur notdürftig vermag, das bringt mit der Selbstverständlichkeit des Lebens die Arbeit selbst zuwege. vom ptolemäischen Ägypten bis zu Sowjetrußland nicht.