Von hier aus wird abermals deutlich, daß durch die Weiterentwicklung des Kapitalismus, daß gerade, durch die Großtechnik im Großkonzern die von Marx für seine Zeit mit Recht festgestellte "Entfremdung" weitgehend aufgehoben ist. Es dürfte kaum mehr die Behauptung möglich sein, daß sich der Arbeiter "erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich" fühlt. Und da Ziel und Sinn optimaler Konzentration ja in Massenproduktion für Massenkonsum besteht, dürfte auch die andere Seite der Entfremdung, die Trennung des Arbeiters von seinem Produkt, weitgehend der Vergangenheit angehören. Gleichviel was dies seelisch bedeutet, positiv oder negativ, — je mehr sich ein Volk motorisiert, um so mehr Anteil besitzt auch der Arbeiter am Produkt seiner Arbeit. In dieser Hinsicht ist der Westen gegenüber dem Osten noch in starkem Vorsprttng; denn jede Hebung des Lebensstandards, vor allem jede Steigerung der Verallgemeinerung der Versorgung mit dauerhaften Konsumgütern hat eine entsprechende Abnahme dieser "Entfremdung" bedeutet , , Ob hiermit das tueben als Ganzes, wieder sinnvoller wird oder auch nur werden kann, dafür fehlen bis heute alle Anzeichen, Bourgeoisie und Kapitalismus vereint haben ihr Werk der Zerstörung aller übernommenen, gewachsenen Ordnungen so gründlich verrichtet, daß es vielleicht nur altväterliche Romantik ist, wenn wir Ansätze neuer seelischer Bindung mit positiven Vorzeichen versehen, während vielleicht axich sie dem nüchternen Utilitarisrnus einer technisierten Arbeitswelt zum Opfer fallen werden. Die Geschichte verfährt oft sehr hart nicht nur mit den Nachzüglern, sondern auch mit den Erstlingen. Aber soviel scheint mir doch gewiß: rückwärts drehen läßt sich das Rad der Geschichte nicht u rid niemals. Also wäre es ein müßiges Unterfangen, mit einer zweiten Entflechtung oder mit einer Änderung der Steuergesetze oder mit anderen , mehr Ideologie- als erfahrungsgerechten Maßnahmen die Konzentration rückgängig machen zu wollen. Die Schaffung von Großunternehmungen und großen Konzernen ist nicht eine Willkürhandlung, ist nicht das Werk geldgieriger Kapitalisten, Spekulanten, Agiteure, sondern sie ist das "notwendige Ergebnis der technischen Entwicklung, die ihrerseits durch den gewaltigen Druck des ungeheuerlichen Bevolkerungsivachstums immer weiter vorangetrieben wird. Wenn die Weltbevölkerung plötzlich auf ein Zehntel reduziert würde, dann wäre nicht nur die Konzentration überflüssig, sondern der ganze Indusmalismus, dessen letzter organisatorischer Ausdruck sie ist.

Die Konzentration ist ein soziologisch ökonomisch geschichtlicher Vorgang, der sich überall dort vollzieht, wo der Industrialismus aus primitiven Anfängen, heraus sich Stufe für Stufe entfaltet. Wo Stufen übersprungen werden, wo wie in Sowjetrußlaiid oder China gleich mit der letzten. oder vorletzten Sprosse des Industrialismus begonnen wird, da besteht die Möglichkeit, mit dem Großgebilde zu beginnen; infolgedessen ist, wie im Westen der Konzern die vorläufig letzte Form des Industrialismus darstellt, dort das Kombinat seine vorläufig erste. Das aber heißt auch: was sich im Westen vor allem dank der Privatinitiative langsam, mit Erfolgen und Rückschlägen, mit Irrtum und Voraussicht vollzogen hat, wird dort dank der staatlichen Planung in einem Akt vollbracht, wobei es durch das westliche Vorbild vielleicht wehiger Voraussicht braucht, aber die Irrtümer doch nicht zu eliminieren sind. Irn Westen war die Strafe für den Irrtum der geschäftliche Mißerfolg bis zum Bankrott, im Osten die persönliche Erniedrigung bis zum Genickschuß. So mündet schließlich das Problem der Konzentration soziologisch und wirtschaftspolitisch wieder in das Problem der Macht, das wir so oft schon gestreift haben, und es zeigt sich jetzt, daß diese entscheidende Frage einen doppelten, ja einen dreifachen Aspekt hat. Denn die Frage ist nicht 1 nur, wer die Macht im konzentrierten Gebilde ausübt, sondern auch wie das Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Verfügungsmacht und politischer Macht sich gestaltet, ob die x politische Macht durch Planung oder Aufsicht die Führung, Formung, Richtung und den zulässigen, gewünschten, geforderten Profit bestimmt oder ob umgekehrt die Manager der Wirtschaft, gerade da die Objektivierung der Großunternehmen, ihrer Kraft 1nicht mehr ungebundenen Auslauf läßt, als Person oder als Verband im Staate Einfluß und Macht zu gewinnen suchen.

Die zweite und die dritte Frage sind nicht theoretisch zu beantworten — hier wirken sich die wirtschaftlichen, die politischen und die geistigen Kräfte aus, die von Volk zu Volk, oft von Ger eration zu Generation verschieden gelagert sild und die nur im Augenblick durch den Gegensatz zwischen westlicher und östlicher Sozialreligbn eindeutig determiniert scheinen —- und dies vi;lleicht sogar nur hier in der Bundesrepublik, unter dem Einfluß der Schwarz Weiß Malerei des OrcoLiberalismus auf der einen und der Fata Morgana des materialistischen Wunders auf der anderen Seite.

Nur soviel sei hierzu oder hiergegen gesagt: es ist sehr wohl möglich, ein rational durchkonstruiertes System der Planwirtschaft nicht nur theoretisch &u erdenken sondern stuch praktisch durchzuführen — an geschichtlichen"Beispielen fehlt es