Die Thesen von Professor Jaspers haben für einen weiteren geschichtlichen Zeitraum zwei harte Konsequenzen für die Zukunft Deutschlands:

1. Sie bedeuten den Verlust Berlins an den Kommunismus, weil Berlin auf die Dauer in der Zweiteilung Deutschlands nicht gehalten werden kann. Nur die Wiedervereinigungkann Berlin seine organische Funktion als Hauptstadt des ganzen Deutschlands wiedergeben.

2. Wer die Einheit Deutschlands heute preisgibt und sie als nicht wünschbar hinstellt, muß damit rechnen, daß eines Tages der Wiedervereinigungsgedanke unter kommunistischem Vorzeichen mit elementarer Wucht nach Westdeutschland hereingetragen und Deutschland unter dem Vorzeichen des Kommunismus vereinigt wird.

Wenn es Professor Jaspers um die Wiederherstellung der Grund- und Freiheitsrechte für die Menschen in der Sowjetzone ernst ist, muß er sich zur Wiedervereinigung Deutschlands bekennen. Nur durch die Überwindung der Zweiteilung Deutschlands im Rahmen einer weltpolitischen Veränderung, deren notwendige Voraussetzung die Entspannung durch eine allgemeine kontrollierte Abrüstung ist, kann für alle Deutsche das Ideal verwirklicht werden, dessen Erreichung das höchste Ziel Professor Jaspers’ ist: die Freiheit.

Die Behauptung, der deutsche Nationalstaat des 19. Jahrhunderts habe im 20. Jahrhundert keinen Sinn mehr und es sei daher sinnlos, die deutsche Einheit zu propagieren, wird durch die gegenwärtige europäische Entwicklung widerlegt. Im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit hat inzwischen der französische Staatspräsident de Gaulle, haben auch andere eingesehen, daß Europa nur als Konföderation der Vaterländer entstehen kann. Das ungeteilte deutsche Vaterland ist dabei die notwendige Vorstufe für das ungeteilte Europa.

Erich Mende