Von Walter Jens

Herbstzeitlosen, rauchige Nebel und am Abend ein wenig Melancholie: ich habe die letzten Wochen damit verbracht, ein Meisterwerk zu analysieren. Keinen Bestseller, keinen Roman in Weihnachtspapier, kein Buch, das unter den ersten achtzehn rangiert, von denen in der ZEIT die Rede war: nur eine Novellensammlung, die ein großer Kunstverstand geordnet und eine Sprache von klassischer Schönheit akzentuiert hat –

Marie Luise Kaschnitz: "Lange Schatten", Erzählungen; Ciaassen-Verlag, Hamburg; 243 S., 12,80 DM.

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen – ich habe auch die anderen Bücher gelesen, von deren die Sortimenter etwas erwarten, nicht alle, doch die meisten; aber ich fand keins, das die vorliegende Geschichten-Kollektion im Stilistischen, im Gedanklichen, in der Komposition auch nur annähernd erreichte.

Sätze von dieser Makellosigkeit, dieser lyrischen Prägnanz und verspielten Perfektion habe ich anderen Orts vergeblich gesucht: "... die uralte Frau mit den knöchernen Fingern und dem Fliegenkranz um die Lippen. Vor ihrem winzigen Häuschen sitzt sie auf der Steinbank, ausgedörrt, beinern, mit glühenden Krateraugen, und eine riesige behaarte Spinne hockt über ihrem Kopf an der mit Mörtel beworfenen Wand... dort sitzt sie regungslos, mit einem Kranz von Fliegen um die bläulichen Lippen und in den zersprungenen Augen einen alten Triumph. Die Spinne über ihrem Haupt aber hat ihr Netz fertiggestellt und lauert in der Mittagshitze, ein tiefschwarzer Fleck auf der grellweißen Wand."

"...in den zersprungenen Augen einen alten Triumph" – in der Tat, hier werden, im Sprachlichen, Maßstäbe gesetzt, hier weist sich jemand aus und zeigt: auch in unseren Tagen ist es noch möglich, große deutsche Prosa zu schreiben und eine Diktion zu ersinnen, die, bei allem kalten Glanz der Modernität, ihre Vorbilder, den Barock und die Romantik, Kleist und Büchner nicht verleugnet.

Chiffre und Form, Bild und Gedanke, das Greifbare und das Erahnte gerinnen in diesen Sätzen zu höherer Einheit; im Luftleichten zerfließt das Massive, und die Trance-Szenerie gewinnt Schwere. Alles wird mühelos, selbstverständlich und vollkommen. Der Leser hat den Eindruck, das Disparate, Wirklichkeit und Wunder, sei nicht erst im Akt der Niederschrift zusammengefügt, sondern bereits im Stadium der Konzeption als Einheit erlebt worden. Diese sehr frühe Transzendenz, die Verwandlung am Anfang des Schöpfungsprozesses, setzt nun freilich eine höchst genaue Kenntnis des Rohmaterials voraus. Nur wer wie ein König über seinen Stoff verfügt, kann aus einem Riesenkreis jene Sektoren herausschneiden, die von den zur Verfügung stehenden Sprachmöglichkeiten zu bewältigen sind.