Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede. Kanzlistenfrauen besuchen einen klimatischen Kurort am Fuße des Kyffhäusers, behäbige Budiker werden in einem Lehnstuhl die Koppe hinaufgetragen, und Mitglieder einer kleinstädtischen Schützengilde lesen bewundernd im Schlosse zu Reinhardsbrunn, daß Herzog Ernst in fünfundzwanzig Jahren 50 175 Stück Wild getötet habe ... Alle Welt reist..."

Der unvoreingenommene Leser möchte vielleicht glauben, der auf solche Weise übers Reisen Schreibende sei ein Mensch, der schon im unzerstückelten Deutschland Gelegenheit hatte, seine Beobachtungen anzustellen, wie dies etwa aus der Erwähnung der Schneekoppe hervorzugehen scheint. Verwunderlich ist freilich, daß vom Massenreisen die Rede ist. Glaubten wir doch bisher immer, dies sei eine Errungenschaft erst unserer Tage. Gefehlt.

Das anfangs erwähnte Zitat stammt von Theodor Fontane und wurde von ihm schon im Jahre 1873 zu Papier gebracht. Es findet sich in einer Plauderei mit dem Titel "Modernes Reisen", und Fontane schildert darin die Vor- und Nachteile insonderheit des Lebens im Hotel, wobei vielfach die Nachteile überwiegen. Manche seiner Bemerkungen könnte auch für heute gelten:

"Der moderne Mensch, angestrengter wie er wird, bedarf auch größerer Erholung. Findet er sie? Findet er das erhoffte Glück?" Der Autor bezweifelt es, denn: "Immer neue Hotelschlösser tauchen verheißungsvoll am Horizont auf, aber der Moment der Erreichung ist auch jedesmal ein Moment der Enttäuschung. Man findet Kühle, nicht Kühlung."

Weniger vielleicht für Deutschland als für manche südlicher gelegenen Reiseländer mag das folgende zutreffen: "Der Reisedrang, je allgemeiner er geworden ist, hat nicht Willfährigkeit und Entgegenkommen, sondern das Gegenteil davon erzeugt. Wirte, Mietskutscher und Führer überbieten sich in Gewinnsucht und Rücksichtslosigkeit, und wer sein Reiseglück auf diese drei Karten gestellt hat, der wird freilich wohl tun, mit niedrigsten Erwartungen in die Situation einzutreten."

Über Preise und Prunk in Gaststätten und Hotels liest man: "Die Leistungen müssen höher oder die Preise niedriger werden. Statt des elenden Plunders eine gut ventilierte Stube, ein Stuhl, ein Tisch, eine Matratze und eine wollene Zudecke; vor allem die Freiheit, essen zu können, was man will und wann man will!"

Wem wäre das nicht aus der Seele geschrieben? "War es immer so?" fragt Fontane sodann und meint: "Mitnichten. Wie ganz anders erwiesen sich die Wirte vergangener Tage!"