Verschnaufpause in Ulm an der Donau – Herbstliche Fahrt in eine verlockende Umgebung

Von Jutta Rüdershausen

Da steht er nun, der Nord-Südreisende, vorm blankgeputzten Fenster des "Muschterländle", vor Ulm, und bestaunt in der Ferne die weißen Zacken der Allgäuer Berge, davor die silbergraue Filigranspitze des Münsterturmes, und zu seinen Füßen blitzt ein Fetzchen Donau, und wenn er Glück hat, ist sie gar blau. Eben hat er die goldene Tunnelpracht des Albaufstieges hinter sich gebracht – zwei Minuten Tausendundeiner Nacht –, hat in schnellem Entschluß die Autobahn verlassen, und nun zögert er; spätestens auf der Donaubrücke muß er sich entscheiden: Soll er sich dem Süden zuwenden? In anderthalb Stunden war er am "See", mit welch lapidarer Bezeichnung sich die Ulmer den Bodensee als Haus-See einverleibten.

Der Genießer hält es mit dem schwäbischen Sprüchle, mit dem man Entscheidungen so "knitz" ausweichen kann: "Unterlasset alles". Wenigstens vorläufig. Vor dem Endspurt über die Alpen – oder wo immer es ihn hinzieht – ist eine Verschnaufpause in der würzigen Rauhen-Alb-Luft gerade recht. Das atemberaubende Bauwerk des Münsters, das in dieser weitläufigen Landschaft und der nicht allzu großen Stadtsiedlung (hunderttausend Einwohner) um so gewaltiger wirkt, weist ihm von selbst den Weg zum Zentrum. Der Blick auf den höchsten Kirchturm der Welt (161 Meter) erfüllt ihn mit Ehrfurcht – und mit einem Schmerzgefühl im emporgereckten Nacken.

Königspfalz als "Motel"

Ist er jung und schwindelfrei, so wird er stracks die 758 Stufen ersteigen und sich mit dem prächtigen Rundblick belohnen, dem Überblick über die beiden ans Donauufer gedrängten Städte. Das silbern sich schlängelnde Band der Donau verleitete Napoleon 1806 zu der Grenzziehung, der Neu-Ulm, damals ein ländlich dünn besiedelter Vorort Ulms, seine Entwicklung als begünstigter Grenzort Bayerns und heute als rege Industriestadt von 25 000 Einwohnern verdankt. Weit ins Bayrische geht der Blick im Osten bis zu den Allgäuer und den oberbayrischen Bergen. Nach Westen wird er begrenzt durch die Hügel der Alb, auf die sich die Arme der Stadt langsam emporrecken. Tief zu Füßen ist der alte Stadtkern mit den Resten der mittelalterlichen Stadtmauer und dem äußeren Ring der späteren Festungsmauern noch deutlich zu erkennen. Wo das Flüßchen Blau in vielen Windungen sich durchs malerische alte Fischerviertel zwängt und sich schließlich mit der Donau vereint, gab es schon in vorchristlichen Zeiten Siedlungen, und beide Flüsse waren bevorzugte Handelswege. Die Königspfalz, die den königlichen Reisenden als "Motel" diente, auf dem heutigen Weinhof gelegen, wird im Jahre 854 zum ersten Male urkundlich unter dem Namer "Hulma" von Ludwig dem Deutschen erwähnt. Die Stadtrechte der später durch Handelsmonopole und strenge Zunftgesetze so reich und beherrschend gewordenen Stadt wurden ihr durch Kaiser Barbarossa verliehen.

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